Baby Entwicklung

„Mädchen sind schneller“ – Ein kleiner Text gegen das Wetteifern und für die Entwicklung von Kindern

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„Mädchen sind ja immer etwas schneller…“, sagte die Mama eines kleinen Jungen schon in der Rückbildung zu mir. Schneller? In der Entwicklung, meinte sie. Das war vor knapp vier Monaten und schon damals habe ich den Satz zwar verstanden, nicht aber den Sinn gesehen. Denn sind Mädchen wirklich schneller? Oder ist diese Behauptung nur ein Schutzmechanismus, um nicht anzunehmen, dass sein Kind einfach etwas langsamer ist? Langsamer, als vielleicht das Mädchen neben einem, was schon greift und seine Füße in die Hände nimmt. Langsamer als der Junge gegenüber, der sich schon dreht und bald anfängt zu krabbeln. Aber ist der kleine Junge nicht vielleicht schneller als das Mädchen, welches noch keinen Ton von sich gibt? Dieses brabbeln und blubbern, was ihn so einzigartig in seiner Entwicklung macht, wie sein großer Zeh oder seine intensiven dunklen Augen.

Bleiben faule Babys auf der Strecke?

„Mädchen sind schneller, Jungs sind lauter.“ Die Liste möglicher angeblich fester Rollen kann unendlich sein und doch sind es Sätze, die die Welt nicht braucht. Denn sie erklären sie nicht. Was würde es mir zum Beispiel bringen, wenn alle meinen, dass Mädchen sich schneller entwickeln? Wäre es so, müsste ich mir Sorgen machen. Ich würde googlen und suchen, fragen und therapieren lassen, bis dieser Satz nicht mehr stimmt. Denn: mein kleines Mädchen ist nicht schneller. Im Gegenteil. Sie ist das wohl faulste Baby der Welt – in meinen Augen. Sie kann sich drehen, sie kann sich hochstützen, aber sie will nicht. Und so ist sie doch das beste Bespiel dafür, dass Mädchen nicht schneller sind. Nein, sie ist sogar das beste Beispiel dafür, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat, um sich zu entwickeln.

Man kann nicht in allem gut sein

Schaue ich mir die Bandbreite der möglichen Entwicklungen an, ob motorisch, sprachlich oder die Beikost betreffend, dann ist doch klar: niemand kann per se schneller sein und damit ein Klischee erfüllen. So war meine Große schon immer etwas verhaltener, was die Bewegung und ihren Entdeckerdrang angeht. Dass es nun noch langsamer und fauler mit ihrer kleinen Schwester zugeht, überrascht auch mich. Trotzdem hat mein kleines großes Mädchen schon immer gesungen und geredet. Seit Geburt an hat sie ihre Stimme benutzt. Schaue ich sie mir jetzt an, weiß ich, was sie ausmacht – schon immer. Sie war vielleicht langsamer in einer Sache, doch überholte sie viele in einer anderen.

Einzigartigkeit ist spannend

Und so sehe ich in jedem kleinen Wesen seine Einzigartigkeit und möchte nicht messen. Denn in einer „Disziplin“ verliert mein Kind, um in einer anderen vielleicht zu „gewinnen“? Und selbst wenn ein Kind in allem langsamer ist, ruhiger oder verhalten, dann bleibt es trotzdem nicht auf der Strecke. Denn es gibt noch so viel zu lernen auf der Welt, ob drehen, ob stehen, laufen oder lesen. Vielleicht findet der kleine ruhige Junge aus der Krabbelgruppe seine Bestimmung auch im Programmieren? Und das Mädchen, was schon mit vier Monaten anfing zu krabbeln, sie muss nicht gleich Leistungssportlerin werden. Diese kleinen Schritte, die jeder Mensch macht, hin zu sich selbst und dem, was ihn ausmacht, sind nur ein Teil vom großen Ganzen. Das ist es doch, was die Entwicklung der Kinder spannend macht und nicht, wer schneller ist, oder?

Liebe Grüße
eure Bella

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3 Comments

  • Reply
    Sari
    10. Januar 2017 at 10:19

    Uah, ich könnte mich regelmäßig aufregen, wenn man mir das sagt. In unserem Fall lautet der Satz allerdings „Für Jungs sind deine Kinder ja echt fix“. Da fällt mir nichts zu ein.
    Ich finde ein Stück weit fällt ja auch mit rein, wie intensiv man sich mit seinem Kind beschäftigt, was man mit ihm tut, womit man es umgibt usw…. und klar reagiert jedes Kind individuell darauf und setzt das Gelernte um. Jedes Kind in seinem Tempo.
    Egal welches Geschlecht *seufz*.
    Teilweise stammt der Satz aber wohl noch aus früheren Zeiten…nun ja…

    • Reply
      familieberlin
      10. Januar 2017 at 10:21

      Mhm…wenn es aber damit zusammenhängt, wie viel ich mit dem Kind mache, dann müsste ich meines theoretisch gerad ignorieren, so wenig, wie sie sich bewegt. 😉 Aber ich verstehe schon, was du meinst. LG

  • Reply
    Anja
    10. Januar 2017 at 16:33

    Kennst du die Geschichte „Als die Tiere noch zur Schule gingen“? Fiel mir als Therapeutin direkt dazu ein 🙂 liebe Grüße von mir und meinen zwei unsportlichen Quasselstrippen (ganz die Mama)

    Es gab einmal eine Zeit, da hatten die Tiere eine Schule. Der Unterricht bestand aus Rennen, Klettern, Fliegen und Schwimmen, und alle Tiere wurden in allen Fächern unterrichtet.

    Die Ente war gut im Schwimmen, besser sogar als der Lehrer. Im Fliegen war sie durchschnittlich, aber im Rennen war sie ein besonders hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Fach so schlechte Noten hatte, musste sie nachsitzen und den Schwimmunterricht ausfallen lassen, um das Rennen zu üben. Das tat sie so lange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war. Durchschnittliche Noten waren aber akzeptabel, darum machte sich niemand Gedanken darum, außer: die Ente.

    Der Adler wurde als Problemschüler angesehen und unnachgiebig und streng gemaßregelt, da er, obwohl er in der Kletterklasse alle anderen darin schlug, darauf bestand, seine eigene Methode anzuwenden.

    Das Kaninchen war anfänglich im Laufen and der Spitze der Klasse, aber es bekam einen Nervenzusammenbruch und musste von der Schule abgehen wegen des vielen Nachhilfeunterrichts im Schwimmen.

    Das Eichhörnchen war Klassenbester im Klettern, aber sein Fluglehrer ließ ihn seine Flugstunden am Boden beginnen, anstatt vom Baumwipfel herunter. Es bekam Muskelkater durch Überanstrengung bei den Startübungen und immer mehr „Dreien“ im Klettern und „Fünfen“ im Rennen.

    Die mit Sinn für’s Praktische begabten Präriehunde gaben ihre Jungen zum Dachs in die Lehre, als die Schulbehörde es ablehnte, Buddeln in den Unterricht aufzunehmen.

    Am Ende des Jahres hielt ein anormaler Aal, der gut schwimmen und etwas rennen, klettern und fliegen konnte, als Schulbester die Schlussansprache.

    (Entnommen dem Buch: „Legasthenie muss kein Schicksal sein“ von E.-M. Soremba; Lehrerin ; Herder Verlag 1995)

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