Kleinkind

Ohne Filter: Was mich die Wut meines Kindes lehrt

Ich schreibe Tagebuch. Nicht täglich, aber oft. Darin halte ich Gedanken fest, Sorgen, Anekdoten aber auch Dinge, für die ich dankbar bin. Die großen Dinge, wie einen Urlaub. Die kleinen Dinge, wie einen Kaffee in absoluter Stille. Kürzlich schrieb ich unter „Dinge, für die ich dankbar bin“ folgendes:

Ich bin dankbar für die filterlosen Emotionen und die Wut meiner Kleinen.

Dankbar für laute ungezügelte Wut?

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Dankbar für Wut und zum großen Teil sehr laute Emotionen? Ja, das bin ich. Nicht für den Tinitus, der damit einher gehen kann. Nicht für die schwindenden Nerven und die teilweise aufreibenden Dialoge mit einer Zweijährigen. Nicht für die Müslischalen, die gefüllt gegen Wände fliegen.

Dennoch bin ich dankbar dafür, dass meine Tochter ihre Gefühle ausleben kann. Ohne Filter. Ohne Erwartungshaltung von anderen und ohne Druck. Es ginge auch anders. Resoluter. Aber das ist nicht mein Weg, ihr Gefühle beizubringen.

Das ist nicht immer leicht für mich und erst Recht nicht für sie. Versteht mich nicht falsch, ich renne nicht verklärt blickend durch die Gegend, preise die Emotionen meines Kindes und lasse ihr damit alles durchgehen. Ich freue mich nicht auf ihre Wutausbrüche und ihre starken Gefühle wie ich mich auf meinen Geburtstag oder einen Wellness-Tag freue. Auch ich bin fertig nach diesem emotionalem Kampf. Auch ich bin genervt, wenn wir mehrmals pro Tag am Boden sitzen, diskutieren und versuchen, eine Lösung zu finden.

Was meine Tochter mich lehrt

Die Dankbarkeit geht eher in die Richtung, dass auch ich viel über mich und das Miteinander mit Menschen lerne – von meiner Tochter. Statt wie so oft davon auszugehen, dass andere verstehen, was ich meine, sehe ich bei meiner Tochter, dass Vorstellungen um Welten auseinander gehen können. Auch, wenn es nur um einen Becher Milch geht. Die Möglichkeiten, an diesem zu scheitern sind schier endlos. Doch statt von vornherein anzunehmen, dass meine Sicht und Umsetzung gesetzt sind, lehrt sie mich, zu hinterfragen. Mich und meine Intention. Sie lehrt mich, die Perspektive zu wechseln und die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen.

Das mag bei einem Becher Milch kleinlich klingen, unwichtig oder banal und doch ist es für siein genau dem Moment – wichtig. Es ist ihr Bedürfnis, was ich wahrnehmen soll. Es heißt nicht, dass ich jedem Wunsch nachgebe, aber es darf auch nicht bedeuten, dass ich mich über sie stelle. Und in diesem Ausloten der Bedürfnisse und wahrgenommenen Emotionen lerne ich etwas über mich:

Reflektion und Gelassenheit

Ich reflektiere und bin (oft! Niemals immer!) so gelassen und im Moment, wie niemals sonst. Ich lerne, zuzuhören und zu respektieren. Und Respekt ist etwas, was auch Zweijährige schon verstehen, ohne das Wort zu kennen. Wenn also meine kleine Tochter im Drama um den falschen Becher mit „zu viel zu wenig zu andere Milch“ in ihren Emotionen zu versinken droht, dann bin ich da, so gut ich kann. Ich höre ihr Nein, ich sehe ihre Wut und ich lasse sie zu. Ohne Filter und ohne Erwartungen. Dann sitzen wir zusammen auf dem Küchenboden, mal nah beieinander, doch oft weit entfernt. Denn so wie ich das Schluchzen und Wüten höre, so höre ich auch ihr „Lass mich in Ruhe!“.

Aber genau so hört sie kein Schimpfen, keine Vorwürfe und Regeln, denen sie ihre Emotionen unterwerfen muss. Sie hört ein „Ich bin da!“ von mir und das Angebot, ihr zu helfen, wenn sie bereit ist. Und doch ist es weniger die Hilfe, die sie dann wieder aus ihrer Wut holt, sondern meine offenen Arme, auf die sie zählen kann. Denn auf die Frage „Brauchst du einen Arm zum Kuscheln“ kommt oft kein „Lass mich in Ruhe“ sondern ein tief geseufztes

JA.

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