Kleinkind

Schau mir in die Augen 2: Das Kind, was mir als Baby nicht in die Augen schaute

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Seit einiger Zeit fällt mir auf, dass mein Artikel zum fehlenden Blickkontakt mit meiner ersten Tochter sehr oft gelesen wird. Viele Kommentare erreichen mich, sogar per Email und Nachrichten stellt ihr mir Fragen und schildert mir eure Situation. Da ich keine Ärtztin bin, kann ich immer nur von meiner Warte aus schreiben: wie war die Situation damals für mich und wie gingen wir damit um. Viele fragen mich, wie es heute mit meinem Kind ist. Deswegen möchte ich euch heute erzählen, wie es mit meiner großen Tochter ist.

Das ist das Kind, das Blickkontakt gemieden hat

Meine Tochter ist drei Jahre alt, bald wird sie vier. Sie ist ein fröhliches Kind, lacht viel, quatscht, tanzt, singt und entdeckt die Welt. Sie schaut mich an, direkt in die Augen. Eigentlich unvorstellbar, dass sie das als Baby niemals tat. Sie kommt an, kuschelt, gibt mir einen Kuss oder flüstert mir etwas ins Ohr. Sie ist da, bei mir und meidet meinen Blick nicht.

Doch, sie meidet ihn: wenn sie ihre Schwester geschubst hat und genau weiß, dass sie etwas falsch gemacht hat. Dann schaut sie nach unten, zieht die Unterlippe vor und schmollt in typischer Manier. Ist sie aber von etwas oder sich überzeugt, guckt sie mir direkt in die Augen. Sie schaut mich an und hält meinem Blick stand. Wer zuerst wegschaut, hat verloren, so ihr Motto. Oft lachen wir dann und machen Quatsch. Das ist das Kind, welches mich als Baby nicht anschauen konnte.

Die Kleine zeigte mir, was bei der Großen fehlte

Fast hätte ich vergessen, wie sie als Baby war und wie sehr es mich beschäftigte. Hätte mich meine zweite Tochter nicht daran erinnert und mir vor Augen geführt, was mir damals fehlte, hätte ich vielleicht nicht mehr daran gedacht. Es aufzuschreiben, half mir. Offensichtlich hilft es auch vielen anderen, denn das merke ich an den Rückmeldungen. Und mit diesen werde ich erinnert. An meine Unsicherheit, Sorge und auch Angst damals. Was, wenn etwas mit ihr nicht stimmt? Was, wenn sie autistisch ist? Ich hätte heute auch keine Antworten auf diese Fragen, außer: wartet ab, beobachtet euer Kind und reagiert auf seine Zeichen. Im Zweifel: geht zum Arzt. Immer wieder, bis eure Sorge zerstreut wurde.

Es änderte sich alles

Nach all euren Fragen, wie sich mein Kind denn entwickelt hat und wie es so lief, habe ich viel darüber nachgedacht, was passiert ist auf dem Weg vom wegschauenenden Baby zum fröhlichen „Wer zuerst wegschaut hat verloren“ Kind. Ehrlich gesagt weiß ich es nicht genau, aber ich weiß, wann es sich änderte. Je mobiler mein Kind wurde, desto mehr konnten wir uns in die Augen schauen. Ich würde sogar meinen, dass sich vieles seit ihrem ersten Geburtstag komplett änderte, denn mit zwölf Monaten lernte sie laufen.

Warum? Weil sie sich nicht nur wegdrehen bzw. wegsehen konnte, wenn ihr etwas zu viel wurde, sie konnte krabbeln oder gar gehen. Ich glaube, diese Selbstbestimmtheit in ihrer Entwicklung führte dazu, dass sie Blicken anders begegnete. Denn wenn sie etwas nicht wollte oder es zu viel war, streckte sie die Arme aus, drückte die Person beiseite und ging. Sie verließ nicht den Raum, aber sie ging auf einen für sie annehmbaren Abstand. Sei es zum Spielen, Lesen oder Kuscheln. Die Entscheidung lag nicht mehr bei mir, sie konnte Zeichen setzen und auch umsetzen. Seitdem fiel es mir kaum noch auf und irgendwann vergaß ich, darauf zu achten.

Mein Kind, mit der ruhigen, sensiblen Art

Sie ist insgesamt ein eher ruhigeres Kind (mit Ausnahmen, ganz klar), sie spielt auch mal gern allein oder schaut sich neben mir ein Buch an. Ohne Reden, ohne Interaktion. Zu viel Körperkontakt ist nichts für sie, außer, sie fordert es aktiv ein. Sie mag es nicht, sich zu verabschieden und gibt außer ihren Eltern und der Schwester niemandem einen Kuss. Wenn Freunde sie umarmen, möchte sie das nicht und geht. Mit lauten Kindern kann sie nicht lange spielen und wenn ihr Menschen zu übergriffig, bestimmend oder zu dominant sind, zieht sie sich zurück.

Für mich ist das aber eine normale Entwicklung, vielleicht ihrer ruhigen Art geschuldet. Aber es ist keine Besonderheit, nichts, worüber ich mir Sorgen mache. Sie hat eine blühende Phantasie und in ihrem Kopf laufen immer mehrere Geschichten gleichzeit ab. Sogar das Thema Hochsensibilität habe ich nicht mehr bewusst verfolgt. Vielleicht ist sie hochsensibel, vielleicht nur empfindsam und ruhig. Für mich macht das gerade keinen Unterschied, weil ich unabhängig der Begrifflichkeit auf ihre Zeichen reagiere. Wenn sie Grenzen zieht, respektiere ich sie. Wenn ihr etwas zu viel ist, lasse ich sie in Ruhe. Und wenn sie jemand bedrängt oder sie etwas nicht möchte, bringe ich ihr bei „Nein“ zu sagen und sich der Situation zu entziehen, denn das ist ihr Recht. Sie setzt ihre Grenzen, auch mit knapp vier Jahren. Um diese kennenzulernen und zu lernen, wie man sie verteidigt, bin ich da und bringe ihr bei, stark zu sein. Mittlerweile erkenne ich an ihrem Blick, ob ihr etwas zu viel ist oder nicht. Denn sie schaut mich an, direkt in die Augen und wir verstehen uns ohne Worte.

Zum ersten Beitrag „Schau mir in die Augen: wenn Babys Blickkontakt meiden“.

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2 Comments

  • Reply
    Judith
    20. November 2017 at 11:26

    Genau so ist mein Sohn!Er ist jetzt gerade 3 geworden und auch er mag keine Verabschiedungen. Wenn jemand bei uns zu Besuch ist und ich sage, komm wir gehen mit zur Tür, sagt er :Nein ich möchte nicht Tschüss sagen. Das einzige, was er dann gerne macht, ist am Fenster gucken. Auch mir sagt er nicht Tschüss, wenn ich mich im Kindergarten von ihm verabschiede.Einen Kuss bekommen nur mein Mann und ich, seine Cousine und ganz selten die Oma 😉 Umarmungen von anderen möchte er auch nicht und auch er geht, wenn es ihr zu laut ist. Eine Freundin meinte auch letztens zu mir, ob er vielleicht hochsensibel sei. Vielleicht ja, vielleicht nein, momentan ist alles gut so wie es ist, deswegen mache ich muss ich dem Ganzen noch keinen Namen geben 😉
    Liebe Grüße

    • Reply
      familieberlin
      20. November 2017 at 13:15

      Das finde ich, ist ein guter Weg. Wenn du mit seiner „Art“ umzugehen weißt und darin keine Probleme hast, warum soll man es dann vertiefen und vielleicht zu sehr stigmatisieren? Der Umgang ist oft wichtiger. LG Bella

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