Familie Kleinkind

Auszeit? Nee. Wenn Kinder sich schwer trennen können

Kinder stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Während man vor der Elternschaft gewisse Vorstellungen von etwas hat, sind die meisten Dinge komplett unvorhersehbar und stets überraschend. So dachte ich mit erstem Baby im Bauch schon an die Wochenenden „ohne“, sprich an Tage, an denen meine Kinder bei Oma und Opa eine tolle Zeit haben werden und alle gestärkt aus einem kleinen Urlaub vom Alltag wieder in eben diesen starten.

Diese Auszeit vom Alltag hatten wir seit der Geburt der Großen…kein einziges Mal. Sie verbrachte zwei Wochenenden bei ihren geliebten Großeltern, doch das eher aus organisatorischen Gründen, an denen wir dennoch ihre kleine (damals) Babyschwester dabei hatten. Eine Auszeit war es für uns nicht, für sie aber wunderschön. Das wissen wir aus ihren Erzählungen, von Bildern und den Großeltern selbst.

Urlaub bei den Großeltern – Niemals!

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Und doch stehen wir seit langer Zeit an dem Punkt, wo wir ein erneutes Wochenende bei den Großeltern ansprechen und dafür sofort große Ablehnung bekommen. Meine Tochter sagt nicht nur Nein, sie wird emotional, laut und klammert sich an mich, als hätte ich ihr eben eröffnet, für zwei Jahre in den Krieg zu ziehen. Das macht mir nicht nur mein Herz schwer. Das macht es auch schwer, unseren Ansatz eines bedürfnisorientierten Miteinanders in der Familie zu leben.

Ihre Bedürfnisse stehen meinen entgegen. Welche wiegen schwerer?

Wir stehen uns so nun also des Öfteren gegenüber und finden keinen Weg. Denn während sie sagt, sie will nicht ohne mich zu Oma und Opa, so würde ich schon gerne mal wieder einen Samstag ausschlafen, mit dem Mann ins Kino oder eben Freunde besuchen und dabei ein komplettes Gespräch führen, ohne von Popeln, Kindergeschrei oder umgekippten bunten Trinkflaschen abgelenkt zu werden. Welche Bedürfnisse gilt es nun zu befriedigen?

Allein zu Oma und Opa? Lange unmöglich.

Helikopter-Mutter oder Verliererin?

Für viele in meinem Umfeld ist es unverständlich. Zum einen sind da die Eltern, die dieses Verhalten bei ihren Kindern nicht kennen. Sie geben ihre Kinder seit jeher zu den Großeltern und alles ist gut. Zum anderen sind da aber die Kritiker, die sind weitaus schlimmer. Egal ob Eltern oder kinderlos, sie verstehen nicht, warum ich mich von meinem Kind geißeln lasse, mir meine Auszeit versage und dem Kind damit uneingeschränkt ihren Willen lasse. Na, welche Stempel können sie mir mit ihren Argumenten wohl geben: Glucke? Helikopter-Mutter, die nicht loslassen kann, sich nicht durchsetzt und ähnliches?

Nun mag das kurzgedacht und oberflächlich betrachtet stimmen. Ja, ich lasse nicht los. Und ja, ich setze mich nicht durch. Doch die Frage, die ich mir stelle, um eben zu diesem „gluckenhaften“ Verhalten meinerseits zu kommen ist: Wessen Bedürfnis ist stärker? Meines nach Ausschlafen und einem Kinoabend oder das meiner Tochter nach einer sicheren Bindung und dem Wissen, dass ich sie nicht gegen ihren Willen „abschiebe“?

Denn was viele nicht wissen, ist, dass sie schon immer einen starken Bezug zu mir hat und sich schwer trennen kann. Das morgendliche Abgeben im Kindergarten war lange ein Kampf und als ich noch angestellt arbeitete, war es für mich eine tägliche Zerreissprobe. Wir fanden unseren Weg und dennoch ist es oft schwer. Wenn ich dann doch zumindest am Wochenende die Wahl habe und nicht irgendwohin muss, warum kann ich es da nicht auch lassen und ihrem Bedürfnis nachgehen? Wir haben mittlerweile ein Wochenende getrennt verbracht. Doch es schmerzte nicht die Trennung. Es schmerzten die „Glückwünsche“, die ich bekam, weil ich mich endlich von meinen Kindern trennen konnte. So muss das schließlich sein…

Nachgeben ist nicht gleich nachgeben

Ich gab also jahrenlang nach und wog die Bedürnisse ab… zugunsten des Bedürfnis‘ meiner Tochter. Und doch sehe ich darin keine Niederlage, denn ich habe mich bewusst entscheiden, nachzugeben. Genauso wie ich ihr nie das Gefühl gab, dass sie „gewonnen“ hätte oder dass wir nach „ihrer Pfeife tanzen“, wie auch immer dieser Tanz gehen mag. Ich verdiene aber auch keine Glückwünsche, dass ich mich endlich von meinen Kindern trennen konnte.

Nachgeben, das habe ich bewusst gemacht. Oft auch unter dem Aspekt der mangelnden Kommunikation. Mit einer Zwei-, Drei- oder Vierjährigen lässt es sich noch nicht so gut besprechen, was wir planen, warum wir weg sind und was sie stattdessen erwartet. Nun, mit ihren fünf Jahren sind wir auf einem guten Weg. Sie findet es immer noch doof, von ihren Eltern getrennt zu sein, aber sie kann unsere Gründe verstehen. Sie hat ihre Schwester dabei, welche für sie ein fast so großer Anker ist wie ich. Sie kann klar mit ihren Großeltern sprechen, was sie möchte und was nicht. Und sie kann klar erfassen, wie lange sie dort bleibt und wann wir wieder bei ihr sind.

Wie wir unsere Kinder auf ein Wochenende bei Oma und Opa vorbereiten und welche Tipps ihr wirklich halfen, schreibe ich bald auf.

Das ich übrigens nicht alles „falsch in meiner Erziehung“ mache, wie mir Kritiker an dem Beispiel der Trennung gerne vermitteln, sehe ich an meiner kleinen Tochter. Auf die Aussage hin, dass sie zusammen mit ihrer Schwester ein Wochenende bei den Großeltern verbringt, war ihr vor allem nur eines wichtig:

Gibt’s da Eis, oder nicht?

Ihre Bedürfnisse werden also auch vollends erfüllt.

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6 Comments

  • Reply
    Kathrin
    13. August 2019 at 19:35

    Danke für diesen Beitrag, es geht mir soooo ähnlich. Momentan ist mit Stillbaby sowieso nicht an eine Auszeit zu denken, aber die beiden Großen wollen über Nacht nirgendwo anders hin. Ich will mich dafür nicht rechtfertigen müssen. Es ist so, wie es ist.

  • Reply
    Denise
    13. August 2019 at 20:01

    Danke liebe Bella für diese schönen und für mich wahren Worte. Es tut so gut zu hören, dass man nicht allein ist. Wir haben die gleiche Situation mit unserer fast fünfjährigen Tochter. Für uns ist es gerade ein Erfolgserlebnis, dass wir die Großeltern oder andere Familienmitglieder besuchen können und es keine längere Aufwärmphase braucht. Das ist so anstrengend. Und statt ermutigender Worte erntet man so oft leicht daher gesagte Verletzungen. Als ob man etwas daran ändern könnte und man freiwillig auf eine Auszeit verzichten würde, gerade wenn man so ein enges Band zum Kind hat. Da braucht man Luft und Abstand damit man sich nicht selbst verliert. Aber wie würde sich so eine Auszeit anfühlen die man erzwungen hat? Für mich noch schlimmer, weil sie nicht den Effekt hätte den ich bräuchte, weil so ein Handeln hier weitreichende Folgen fürs tägliche Miteinander hätte. Das mag sich für Einige übertrieben anhören, aber wer es kennt weiß was ich meine. Unser kleiner Sohn ist auch offener. Da heißt es dann einfach er sei eine Frohnatur. Dabei haben wir ihn nicht anders ans Leben heran geführt wie seine Schwester. Ja. Kinder sind unterschiedlich. Und das berücksichtigen wir. Auch wenn es manchmal echt anstrengend ist. Liebe Grüße. Denise

  • Reply
    Kamillentee
    14. August 2019 at 05:05

    Ganz ehrlich: natürlich wiegen in der Konstellation die Bedürfnisse des Kindes stärker! Das Wochenende ist halt auch Gelegenheit, Mama und Papa 48 Stunden „tanken“ zu können, und wenn da – aus welchen Gründen auch immer- ein Nachholbedürfnis oder einfach nur ein Bedürfnis besteht, ist das vielleicht für so ein ja noch nicht sooo großes Kind existenziell wichtig, wohingegen Kino / sonstige kleine Fluchten nur in Ausnahmefällen existenzielle Bedeutung erlangen. Das Kind ist bereit, wenn es bereit ist. Nicht früher und nicht später. Wenn man mal irgendwann befürchtet, dass es übertrieben klammert, kann man immer noch versuchen, den Ursachen nachzugehen und in kleinen Schritten meinethalben die so viel gepriesene Selbstständigkeit irgendwie zu fördern (wobei ich mich manchmal schon frage, ob einige glauben, ob ein vier- oder fünfjähriges Kind autonomer als ein Erwachsener sein soll, der ja auch regelmäßig den Kontakt zu den Personen sucht, die er/sie besonders liebt oder von denen er glaubt, dass sie ihm gut tun). Also: alles richtig gemacht aus meiner Sicht.

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    Melanie
    14. August 2019 at 13:10

    Liebe Bella!
    Unser Großer (*10/12) hat auch erst im letzten Jahr das erste Mal auswärts mit seinem Bruder (*01/14) bei Oma übernachtet. Ohne den Bruder auch keine Option. Beim zweiten Mal hat sich das Nesthäkchen (*10/15) direkt mit dran gehangen. Und durfte nach gut 3 Stunden Schlaf wieder abgeholt werden. Weil ich es allen Kindern versprochen habe. Wenn sie nicht mehr bleiben möchte, hole ich sie ab. Immer! Weil ich weiß wie fies sich Heimweh anfühlt. Und das müssen meine Kinder nicht aushalten. Alles hat seine Zeit ❣
    Ich bin froh, das dies in meinem Umfeld unkommentiert akzeptiert wird.
    LG, Melanie

  • Reply
    Inga
    14. August 2019 at 13:45

    Solche Bemerkungen unbeteiligter anderer schmerzen, das kenne ich nur zu gut. Manchmal habe ich das Gefühl, Egoismus ist ein positiver Wert geworden. Kinder ja, aber bitte so weiterleben wie vorher, sich bloß nicht einschränken. Bloß keine Rücksicht nehmen auf die Gefühle dieser kleinen Menschen, auf ihre Bedürfnisse und Ängste. Weiterhin viel arbeiten, Sport, Hobbys, Ausgehen, Paarzeit, Selbstverwirklichung. Als wäre das alles komplett vereinbar. Natürlich ist es wichtig, sich als Paar nicht zu verlieren. Aber nicht auf Kosten der Kinder, wenn sie wirklich unter der Trennung leiden. Langfristig geben wir ihnen so viel Sicherheit, Geborgenheit, das Vertrauen, dass wir immer für sie da sind, wenn sie uns brauchen. Und nicht nur dann, wenn wir gerade nichts Besseres vorhaben. Klar ist das (bei mir auch) im Moment ein Opfer, das man bringt. Aber das darf man ja selbst entscheiden und andere sollen, sorry, einfach mal die Fresse halten.

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    Sanne
    15. August 2019 at 10:39

    Wie wahr! Manche Kinder sind eben kleine „Kletten“. Irgendwo in ihrer kleinen Seelen brauchen sie halt mehr Nähe als andere. Dann ist das so. Ich bin zwar bei meiner Klette (gerade 4) auch manchmal genervt, weil sie in akuten Phasen nicht mal alleine aufs Klo geht. Aber je mehr ich sie dazu bringen will loszulassen, umso klammert sie. Also lasse ich das und „verwöhne, verhätschele…“ sie eben. Sie scheint es zu brauchen. Und es ist von vornherein klar, dass man mit kleinen Kindern eben seine eigenen Bedürfnisse eine Weile zurückstellen muss. Wer das nicht kann, und es wichtiger findet, auszugehen, als sein Kind stark zu machen und eine gute Bindung zu fördern, die es ein Leben lang trägt, der hat da vielleicht grundsätzlich etwas nicht verstanden. Ich überhöre die blöden Kommentare und sage meinem Kind, dass alles gut ist, wenn sie bei mir sein will und rede mit ihr offen darüber, dass es mich manchmal auch nervt. Und so hat sie schon ganz viel Selbstbewusstsein bekommen und traut sich immer mehr. Sie braucht eben mehr Zeit. Ja, es ist anstrengend. Aber das muss man halt investieren. Es lohnt sich.

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