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Die Reise ins Ungewisse: Menschen, Lehrpläne und Wissensdurst

In zwei Jahren kommt meine große Tochter in die Schule. Langsam mache ich mir Gedanken darüber, welche Schule in diesem großen abstrakten Schulsystem die Richtige für sie ist. Doch weniger machen mir die Möglichkeiten und eben dieses System Sorgen. Damit habe ich mich bisher wenig befasst, sammle aber nach und nach Informationen, um eine passende Entscheidung für mein Kind zu treffen. Was mir aber schon jetzt Sorge macht, sind die Menschen darin. Menschen, die vieles gut machen können, aber eben auch sehr vieles kaputt. Denn ich glaube, dass mein Weg heute anders aussehen würde, hätte ich von manchen Lehrern mehr und von einigen viel weniger gehabt.

Der Lehrplan: so wichtig?

Manchmal denke ich: Wenn ich nicht Herrn X in Biologie oder Frau Y in Physik gehabt hätte, wäre ich heute Wissenschaftlerin. Ich würde erforschen, wie man Energie klimaneutral gewinnen und verwenden kann. Ich würde Krebs endlich auf die Pelle rücken und mit daran beteiligt sein, mehr dagegen tun zu können. Ich würde herausfinden, wie man auf den Mars kommt oder in den Tiefen der Ozeane verborgene Ressourcen entdecken. Das man all das machen kann, wusste ich als Kind nicht. Ich hatte keine Ahnung, warum ich Woche um Woche eine Zwiebelzelle auf Papier malen musste und warum meine Zeichnung nie gut genug war – für Herrn X. Ich habe nicht verstanden, warum ich aufgrund meines Nachnamens eine schlechtere Note in Physik bekam als meine Banknachbarin, die identische Fehler in ihrem Test hatte. Schelm ist, wer Böses dabei denkt. Es war mir nie klar, warum ich bestimmte Dinge auf dem Papier berechnen sollte, denn ich verstand die Relevanz im echten Leben nicht. Warum ist das wichtig, Frau Y? Weil es im Lehrplan steht. Aha.

Als ich nach meinem Studium in die Wissenschaft ging – auf schreibender Seite, nicht auf forschender – machte mich das traurig. Ich lernte Menschen kennen, die Zaubern können. Die mit ihrer Begeisterung anstecken und die zeigen, warum man den Aufbau von Zellen kennen muss, aber warum es nicht wichtig ist, dass sie besonders schön gemalt sind. Ich lernte viele Antworten auf meine Warums der Schulzeit und keine war „Weil es im Lehrplan steht“. Ketzerisch könnte ich behaupten: Gut, dass diese Menschen nach Antworten auf die drängenden Fragen der Menschheit suchen und nicht Herr X und Frau Y. Gut so, dass diese beiden nicht mit hohen Forschungsgelder losgeschickt wurden, um diese mit ihrem Elan und ihrer Weitsicht an einem dunklen Schreibtisch platt zu sitzen und Dienst nach Vorschrift zu machen. Gut, dass es diese begeisternden und engagierten Forscher gibt, die wirklich was bewegen. Aber was ist mit dem Nachwuchs? Nachwuchs, der sich nicht selbst begeistern konnte, weil eben die richtige Antwort aufs Warum fehlte? Lehrplan hin oder her.

Nicht im Lehrplan: Der individuelle Schüler

Diese Gedanken treiben mich seit Jahren um, vielleicht sogar Jahrzehnten. Warum mich der Kunstlehrer mit seiner Liebe zur Kunst und zum Wort anstecken konnte und der Biologielehrer mit seiner Steifheit und Regelliebe abschreckte. Warum mich die Sportlehrerin mit ihrem Leistungsdruck nur noch schwächer machte und die Französischlehrerin mit ihrer Liebe zur schönen Sprache bis heute geprägt hat. Ich kenne heute die Antwort für mich, aber sie hat auch meinen Weg im Leben bestimmt. Den Weg, den Menschen vorgeben, nicht nur Schulsysteme. Den Weg, den Menschen bereichern und stärken können, oder eben kaputt machen können! Menschen, die ab Jahr x auf ihren Ruhestand warten und Dienst nach Vorschrift machen. LehrerInnen, die Jahr um Jahr die gleichen Arbeitsblätter hervor kramen, um am Abend wieder ein Kreuz auf ihrem Lehrplan zu machen. Menschen, die vielleicht einen vorsichtigen abwertenden Blick über den Tellerrand werfen, aber ihre Schülerscharr ängstlich hinter sich halten. Menschen, die in einem alten Film ein besseres Lehrmittel sehen als in echten Gesprächen mit hitzigen Diskussionen und auch mal fehlenden Antworten.

Diskussionen, die nicht abschrecken, weil sie offen sind. Offen für Faszination, Neugier und Wissensdurst. Fehlende Antworten müssen kein Zeichen von Schwäche und der Grund für eine schlechte Note sein. Warum kann die richtige Frage nicht genauso gut bewertet werden wie eine festgelegte Antwort auf den jahrelang gleichen Test? Einen Test, der nicht geändert wird, weil eben Herr X und Frau Y nur auf ihren Ruhestand warten. Dass dieser damals noch 15 Jahre weit weg lag, macht die Sache noch viel trauriger, denn er hinterließ sicher noch einige demotivierte Schüler links und rechts des Lehrplans liegen. Schüler, die eben dort nicht vorkamen: im Lehrplan.

In zwei Jahren: Lehrplan oder Mensch?

In zwei Jahren trifft meine Tochter auf diese Menschen. Oder tut sie das? Die 15 Jahre von Herrn X und Frau Y wären um, sie sind in ihrem lang ersehnten Ruhestand. Aber was ist mit Frau Z oder Herrn 0815? Was, wenn sie auf diese Lehrer trifft? Wer hier schon länger liest, der weiß, dass meine große Tochter eher zu den vorsichtigen gehört, zu den ruhigen. Vielleicht findet sie sich mit der Antwort „Weil es im Lehrplan steht“ ebenso ab wie ich es wohl damals tat. Denn Wissensdurst, denn kann man nicht nur stillen. Den kann man auch ersticken.

Durch Schulsysteme und Lehrpläne und eben Menschen.

 

Dies ist mein Beitrag zum Scoyo-ELTERN-Blogaward 2018 zum Thema „Schule & Förderung: Was hilft Kindern wirklich?“ Und auch wenn der Beitrag vielleicht nicht motiviert und aufzeigt, was Kindern beim Lernen hilft, so zeigt es vielleicht, dass es mehr als das große Schulsystem gibt, woran man als Kind scheitern kann. Und vielleicht liest das auch ein Herr 0815 oder eine Frau Z und wagt zusammen mit den Schülern den Blick über den Tellerrand. Wer weiß.

Drückt mir dir Daumen!

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2 Comments

  • Reply
    Silvia van Beek
    1. August 2018 at 08:19

    Liebe Bella!
    Es gibt auch Schulen UND Lehrer, die anders sind. Die die Kinder dort abholen, wo sie stehen, die sie so nehmen wie sie sind. Schulen, wo die Stärken und die Neugier der Kinder gefördert und ihre Schwächen akzeptiert werden. Wo die Lehrer gemeinsam mit den Kindern und Eltern Lösungen für die Schwächen suchen. Dafür bedarf es lediglich den Mut nicht den Lehrplan, sondern die Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Solche Schulen sind zum Beispiel Freie Schulen, die es in nahezu jeder größeren Stadt findest. Ein Beispiel ist die Freie Schule Bochum, wo auch meine beiden Kinder, die ganz sicher alles andere als Durchschnittskinder sind, zur Schule gehen. Hier kannst Du einen Einblick in die Arbeit an dieser Schule bekommen: https://freieschule-bochum.de/startseite/das-sind-wir/schule/konzept/
    Wenn Du Fragen zu dieser Art von Schule hast, kannst Du mir sehr gerne mailen.
    Liebe Grüße Silvia

  • Reply
    Aless
    12. August 2018 at 20:02

    Ich bin selber Lehrerin und muss jetzt mal eine Lanze für die Lehrer brechen: es gibt sicher ein paar Lehrer die „Dienst nach Vorschrift“ machen, allerdings muss man auch sehen, was dahinter steckt: wurde der Lehrer vielleicht schon abgemahnt, weil er die Interessen der Schüler verfolgte und daher den Lehrplan nicht geschafft hat. Hat er ewige Dialoge mit Eltern hinter sich, weil die Bewertungskriterien nicht 100% vergleichbar waren. Hat er sich etwa erlaubt einzelne Kinder speziell zu fördern und uninteressierte Schüler einfach uninteressiert zu lassen.
    Hat der Lehrer gerade viel Erziehungs- Sozial- und seelenpflege-Arbeit zu leisten und fällt deshalb das fachliche gerade herunter.
    Auch ich mache in manchen Stunden „Dienst nach Vorschrift“ da das Sysstem es nicht hergibt 6x am Tag 28 Schüler dort abzuholen wo sie stehen und individuell zu begeistern. So sehr leid mir das für einzelne Schüler tut. Da brachen wir. Echt einen kompletten Systemwechsel.

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