Kleinkind

Mehr als nur (m)ein Kind: Kinderrollen

Ich habe es früher nicht geglaubt. Eltern berichteten mir von den Talenten ihrer Kinder. Ganz vorn dabei: Schauspielern. Klar, dachte ich damals innerlich. So ein kleines Wesen kann doch niemandem vorgaukeln, dass es etwas Bestimmtes fühlt oder möchte. Doch, kann es. Das weiß ich, seitdem sich anscheinend Grace Kelly, Inger Nilsson und Robin Wright in meinem Kind vereinen. Zwischen stilecht, ladylike, rotzfrech und witzig sowie berechnend ernst schwankt mein kleines Mädchen wie das aktuelle Wetter. Oft ist sie einfach nur zuckersüß, aber wenn es sein muss, fährt sie die Krallen aus und kämpft für ihre Kekse Sache.

Das geht sogar so weit, dass sie mittlerweile ihr Talent weiterentwickelt: sie übt. Am Wochenende war sie auf einmal aus meinem Radius verschwunden, was nicht oft passiert. Da ich sie in ihrem Zimmer kramen und brabbeln hörte, war alles gut. Bis es auf einmal ein Schreien und Jammern aus ihrem Zimmer kam. Doch die Bilder, die ich mir auf dem gefühlt endlosen Weg ins Kinderzimmer ausdachte, wurden nicht getroffen. Statt eines weinenden und vielleicht lädierten Kindes fand ich meine kleine Schauspielerin vor dem Spiegel sitzend vor. Sie schaute sich an und probte ihre Rollen. Und die hat sie zu Hauf, manche muss sie nicht mal üben.

Die Missbilligende
Sie verschränkt die Arme, und zieht die Stirn in Falten. Passend dazu wird der Kopf leicht nach vorn gebeugt, so dass sie von unten nach oben schaut. Offensichtlich wird dieses Gesicht zum Einsatz kommen, wenn ihr etwas nicht passt. Das passiert öfter…habe ich gehört.

Die Traurige
Sie versuchte, durch das Zusammenziehen von Augen und Mund ein weinendes Gesicht zu machen. Begleitet von Jammern und Schluchzen wirkte das fast echt, wäre da nicht das Ausbleiben von Tränen. Dieses Gesicht hat nachweislich keinen Effekt auf mich, aber ich kenne da zwei Omas und Opas, die darauf sicher reinfallen werden.

Die Diva
Sie legt die Hände ineinander, legt sie sich in die Halsbeuge und dreht den Kopf zu Seite. Mit gesenktem Blick zeigt sie so, dass sie sich für was auch immer man von ihr möchte, zu schade ist. Das kann Zähne putzen, Windel wechseln oder Tisch decken sein. Das niedliche dabei ist aber immer ihr Blick. So divenhaft sie dabei auch nach unten schauen möchte, ihre Neugier ist ihr dabei im Weg. Sie versucht mich im Blick zu behalten, denn sie könnte ja etwas verpassen.

Der Clown
Mit breitem Grinsen werden die Augen ganz klein. Sie sitzt da und lacht. Doch eine Kleinigkeit unterscheidet sich von diesem Lachen: das Geräusch. Statt eines herzlichen Lachens kommt ein etwas zu tiefes „Höhö“ aus ihrem Mund. Das ist so niedlich, das meist alle Anwesenden anfangen zu lachen, was wiederum beim Kind zu echtem selbigen wird.

Der Gourmet
Nicht nur vor dem Spiegel, auch bei jeder Nahrungsaufnahme übt sie sich als Feinschmeckerin. Es werden kleine Portionen mit feinstem Pinzettengriff in den Mund gesteckt, die Augenbrauen sind skeptisch nach oben gezogen. Es wird bedächtig gekaut und mit dem Gaumen geschnalzt, um dann mit einem lauten „Mhmmmmmm“ zu verkünden, dass es mundet. Dabei umspielt ein zufriedenes Grinsen ihren Mund, gepaart mit zustimmendem Nicken.

Der Haudegen
Die Feinschmeckerin wechselt meist kurz danach in einen kulinarischen Haudegen. Denn dann wird nicht mehr vornehm gespeist, es wird gestopft. Alles, was schmeckt wird in den Mund befördert und die vorher vornehmen Finger dienen dem Nachstopfen. Der Platz im kleinen Kindermund wird komplett genutzt, für Luft und Liebe zum Essen ist da keine Zeit. Blöd nur, wenn gleichzeitig Haudegen und Clown anwesend sind, denn dann wird das Essen oft aus Platzmangel wieder nach draußen befördert. Der Haudegen in Form von Schubsen wird auch in übermütigem Spiel ausgepackt oder dann, wenn die Diva (s.o.) nicht funktioniert hat.

Die Furie
Diese Rolle ist aktuell die Liebste. Die Furie wird immer dann geübt, wenn etwas nicht passt oder niemand das Kind verstehen kann. Dann wird mit schwingenden Armen hin und her gelaufen, dabei wird lauthals gebrüllt bis das Gesicht rot wird. Unter (echten) Tränen wird der Tonfall immer lauter, um dann in Atemnot zu enden. Am Ende lässt sich das Kind gegen das nächstgelegene Möbelstück fallen und gleitet zu Boden. Je nach Schwere des persönlichen Sachverhaltes wird dann der Kopf auf die Hände gelegt und theatralisch geschluchzt. Dabei muss aber immer der Sparringspartner des Schauspiels im Auge behalten werden, sprich: es wird immer etwas durch die Finger gelunscht, um zu sehen, ob diese (meist Mama) auch reagiert. Meistens tue ich das, denn wenn sie schon vor Verzweiflung kaum Luft holt, ist es kein Spiel mehr.

Alles in allem bin ich wirklich erstaunt, welches Talent miniberlin im Alter von 20 Monaten so an den Tag legt. Sie hat wirklich viele, durchweg aber niedliche Gesichter, die sie gern übt. Deswegen weiß ich nun auch, dass ich das nächste Mal, wenn es aus dem Kinderzimmer schreit, erst kurz um die Ecke schaue, ob es Ernst oder Übung ist.

Welche Rollen können eure Kinder einnehmen?

Liebe Grüße
eure Bella

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