Vorschule

Vorschule und Vorbereitung: Saskia im Interview

Vorschule und Vorbereitung

Unsere bald sechsjährige Tochter kommt in diesem Sommer in die Schule. Das ist aufregend. Seit August letzten Jahres ist sie nun ein Vorschulkind und wird nicht müde, das zu sagen. Aber was genau bedeutet das? Bedarf Vorschule auch Vorbereitung? Und wie kann ich sie als Mama unterstützen? Das alles habe ich Sassi aka Frau N. gefragt, Grundschullehrerin, Herzpädagogin und Freundin von mir.

Ein paar einführende Worte von Sassi: Es gibt in Deutschland keine einheitliche Regelung zum Bereich der Vorschule. Gemeint ist aber grundlegend immer die Zeit des Übergangs zwischen Kindergarten und Eintritt in die Grundschule. Grob betrachtet man dabei das letzte Jahr vor Schulbeginn. Wie dieser Zeitraum inhaltlich oder strukturell gestaltet wird, sieht jedoch hierzulande sehr unterschiedlich aus. Klassische Vorschulen als gesonderte Einrichtung gibt es so kaum noch. Neben unzähligen individuellen Modellen wird die Vorschularbeit meist von den Kindertagesstätten und in manchen Bundesländern durch die Grundschulen selbst geleistet.


Was genau ist der Sinn einer Vorschule aus pädagogischer Sicht?
Die Zeit zwischen dem Kindergarten und dem Schuleintritt ist eine sensible Zeit und für alle Beteiligten sehr aufregend. Eltern, die das bereits erlebt haben, werden hier vermutlich nicken. Viele Studien zeigen, wie wichtig dieser Übergang ist und welche Chancen er birgt, sofern er sinnvoll genutzt wird. Meist wird in Deutschland dabei der Fokus sehr stark auf die Vorbereitung der Lerninhalte und die schulischen Leistungen gelegt. Es geht um gezielte Motorikübungen, Schreib- und Rechengrundlagen. Darüber hinaus möchte man durch Vorschulangebote Benachteiligungen von Kindern, beispielsweise durch ihre soziale Herkunft, abbauen. Auch das Auffangen sprachlicher Defizite ist eine Intention. Prinzipiell durchaus vernünftige Gedanken, aber es geht noch um so viel mehr.

Wie würde sich denn deiner Meinung nach eine sinnvolle Vorschularbeit gestalten?
Ich hoffe, ihr habt Zeit, denn die Beantwortung dieser Frage könnte dauern.

Wenn es während der Vorschularbeit darum geht, auf den Schuleinstieg mit all seinen Herausforderungen vorzubereiten, dann spielen da neben dem Fokus auf fachliche Inhalte auch noch viele andere ebenso wichtige Dinge eine Rolle. Es geht um eine starke Ich-Kompetenz, um Vorfreude, um Motivation, um Selbstständigkeit, um Vertrautheit, um Sicherheit, um Gefühle und um eine ganzheitliche Entwicklung.Ich versuche, es mal zu bündeln in die Aspekte:a) Eingewöhnungb) Ich-Kompetenzc) Fachliche Vorbereitung (Motorikschulung, Schreib- und Rechenübungen etc.)

Kannst du vor allem die ersten beiden Punkte genauer ausführen?
Beginnen wir mal mit dem Aspekt der Eingewöhnung. Meiner Meinung nach einer der zentralsten Punkte und leider oft derjenige, der am meisten vernachlässigt wird. Eltern ist dieser Begriff aus der Tagesmutter-/Kitazeit natürlich bekannt und niemand würde die Notwendigkeit dieser Übergangsphase anzweifeln. Sein Kind in die Obhut anderer Personen zu geben, ist ein großer Schritt. Dazu kommen neue Umgebungen und Abläufe. Das braucht eine behutsame Eingewöhnungszeit. Mit Beginn der Schulzeit hört das oft auf. Es gibt eventuell Schnuppertage, im besten Fall noch gelegentliche Besuche, aber darüber hinaus findet wenig statt. Dabei wäre auch hier eine Eingewöhnungsphase vor Beginn des täglichen Schullebens sinnvoll. Regelmäßige Besuche der neuen Umgebung, genaueres Kennenlernen der neuen Bezugspersonen, gemeinsame Schnupperstunden mit den aktuellen Erstklässlern etc.

Ein weiterer Aspekt ist die Ich-Kompetenz des Kindes. Ein gestärktes Kind, das, natürlich altersgerecht um seine Wünsche, Bedürfnisse, Fähigkeiten und Interessen weiß, bringt eine wichtige und gesunde Grundlage für seinen Schulstart mit. Kinder, die in ihrer Entwicklung den Freiraum bekommen haben, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten, Selbstständigkeit zu erlangen, eigene Bedürfnisse klar zu formulieren und die gelernt haben, wie gut es sich anfühlt, wenn diese respektiert werden, sind gut gerüstet für die emotionalen und sozialen Herausforderungen, die das Schulleben nun mal so mit sich bringt. Natürlich führt dieser Ansatz erst recht zu einer Lerngruppe aus autonomen Individuen, aber eine Schule, so wie ich sie mir wünsche, kann und muss damit umgehen.Man merkt natürlich, dass das Elternhaus hier eine entscheidende Rolle spielt und wenn ich gefragt, werde, wie man sein Kind auf die Schule vorbereiten kann, dann sind die eben aufgeführten Sätze immer die, die ich nenne. Kindergärten leisten diese Arbeit quasi täglich „nebenbei“, denn unzählige natürliche Spielsituationen und das Miteinander geben immer wieder Möglichkeiten, seine Ich-Kompetenz zu stärken.

Und wie sieht es nun mit der fachlichen Vorbereitung in der Vorschule aus?
Der Lehrplan meines Bundeslandes sieht an keiner Stelle vor, dass Kinder auch nur eine Zahl oder einen Buchstaben vor Schuleintritt kennen oder schreiben müssen. Aber es gibt dennoch Grundlagen, die den Schriftspracherwerb erleichtern. Besonders hilfreich ist dabei eine gut entwickelte phonologische Bewusstheit, also das Wissen um die Struktur unserer Sprache (Wörter, Silben, Laute, Klänge, Reime etc.) und der sichere Umgang damit. Diese Bewusstheit wird bereits im Babyalter angebahnt. Kinderverse oder auch Kinderbücher in Gedichtform unterstützen diese Entwicklung früh. Im besten Fall passiert das ungezwungen in der täglichen Umgebung eines Kindes. Durch Hörspiele, durch Vorlesen, durch gewöhnliche Gespräche. Hier wird klar, dass es aber in schwierigen Lebensverhältnissen schnell zu Benachteiligungen kommen kann und dass auch für Kinder, die deutsch nicht muttersprachlich sprechen, ein Hindernis entstehen kann. Daher ist es durchaus sinnvoll, dass Kindergärten sich diesem Aspekt (spätestens in der Vorschulzeit) gezielt widmen. Neben alltäglichen Situationen wie dem gemeinsamen Singen, Lesen und Erzählen gibt es gezielte Programme zur Förderung oder Festigung der phonologischen Bewusstheit, wie z.B. das Würzburger Trainingsprogramm, das in vielen Kindergärten zum Einsatz kommt.Ähnliches gilt für den mathematischen Bereich, wobei hier meist nicht gezielt trainiert wird. Zahlen sind Kindern oft schon früh zugänglich, beispielsweise durch eigene Geburtstage und auch das Zählen begegnet Kindern im Alltag häufig.Wichtig ist bei all diesen Angeboten allerdings, dass ein Kind wirklich bereit für diesen Lernschritt ist. Was das genau bedeutet, führe ich gleich genauer aus.

Was, wenn ein Kind von sich aus aber schon deutliches Interesse an diesen Inhalten zeigt?
Lernen funktioniert im Grunde genommen ein Leben lang nach dem gleichen Prinzip. Es braucht Interesse, persönliche Motivation und Antrieb und eine körperliche sowie eine bestimmte kognitive Reife. Veranschaulichen wir das mal am Laufenlernen. Wenn Kinder so weit sind und wollen, dann geht es ziemlich fix und braucht nicht mehr viel von außen. Vielleicht ein bisschen Gefahren aus dem Weg räumen, ein bisschen begleiten. Ist ein Kind aber noch nicht so weit, kann man ziehen und zerren, dreihundert Hilfen einsetzen, anfeuern und loben, es wird dauern und am Ende mehr schlecht als recht funktionieren. Das ist beim Lesenlernen nicht anders. Ist ein Kind kognitiv so weit und hat ein persönliches Interesse daran, dann macht es absolut Sinn, diesem Interesse entgegenzukommen. Durch Erstlesebücher, Buchstabenmagnete, Apps etc.Mangelt es noch an der Reife und/oder an Interesse, dann kann man sich auf den Kopf stellen. Die Übungen werden kaum nachhaltig fruchten. Maria Montessori hat dieses Prinzip bereits schon vor vielen Jahren erkannt und spricht von einer vorbereiteten Lernumgebung, in der Kinder sich entsprechend ihrer Motivation und ihren Fähigkeiten, genau das heraussuchen, das ihrer Entwicklung gerade entspricht. Alles andere sei Dressur. Ein Ansatz, von dem ich sehr überzeugt bin.

Es gibt viele Dinge, die Kinder im Vorschulalter nutzen können. Bücher, Lernhefte, Apps, Zeitschriften: Was hälst du davon? Kannst du auch etwas empfehlen?
Wie gesagt, ist ein Kind bereit, dann ist nichts Verwerfliches daran, diese Angebote zu nutzen. Ganz im Gegenteil. Empfehlungen sind aber schwierig, denn jedem gefällt da ja etwas anderes. Am besten mit dem Kind in Buchhandlungen gehen und selbst auswählen lassen. Wie oben schon geschrieben, sind Buchstabenmagnete oder so Setzkästen eine schöne Idee. Bei den Apps kenne ich im Vorschulbereich wenig. Die Anton App enthält alle wichtigen Inhalte des ersten Schuljahres und ist wirklich toll umgesetzt.

Eine häufig gehörte „Kritik“ ist, dass sich Kinder, die im Vorschuljahr schon sehr stark und schnell lernen, in der ersten Klasse langweilen und dann schnell das Interesse verlieren. Wie siehst du das?
Nehmen wir wieder das Beispiel „Laufenlernen“. Würde man bei einem 10 Monate altem Baby das Laufenlernen bremsen? „Nein, Max, komm wir krabbeln lieber noch ein bisschen. Oder üben nochmal das Klatschen. Laufenlernen ist erst in 4 Monaten dran. Nicht, dass du dich bei der Tagesmutter langweilst, wenn die anderen Kinder da erst laufen lernen.“ Klingt absurd, oder? Das ständige Einbremsen und Zurückhalten von Lerninhalten – das ist es, was langfristig zu Lernunmut führt. Das Ziel ist klar. Es sollen möglichst alle Kinder auf einem gewissen Level sein, damit der Unterricht nach dem traditionellen Ablauf klappt. Das ist längst nicht mehr zeitgemäß und meiner Meinung nach auch der völlig verkehrte Ansatz. Nicht die Kinder angleichen, damit sie ins System passen. Lieber ein System schaffen, dass der normalen Individualität grundlegend gerecht wird. Das würde gleichzeitig das Ansehen von Lehrkräften positiv beeinflussen. Denn 20 Individuen unterrichtlich professionell und lernstandsgerecht zu begleiten, DAS kann eben nicht jeder und braucht eine klare Expertise. Die Realität in Schulen sieht anders aus, ich weiß. Dennoch ist mein Ansatz hoffentlich verständlich.

Dein Sohn ist nun auch im Vorschulalter. Wie gehst du in diesem Bezug mit ihm um?
Siehe oben – Ich versuche, ihm und seiner Person freie Entfaltung zu ermöglichen. Er hat eine Schwester, an der er täglich lernt, Kompromisse zu schließen. Er liebt Kinderbücher, Geschichten und Hörspiele. Er zeichnet und malt nicht gerne, aber konstruiert stundenlang mit Lego. Er stellt Fragen, über die wir (nicht nur ich, denn auch das ist auf Dauer für einen allein sehr anstrengend) sprechen. Die Umwelt bietet unzählige Lernmöglichkeiten und Kinder sind sehr kompetent darin, diese nach eigenem Interesse zu nutzen und zu erforschen. Meine Aufgabe ist es, das nicht zu bremsen und es gleichzeitig mit den Grenzen der Umwelt sowie unserer Lebens- und Wohnsituation in Einklang zu bringen. Aktuell beginnt sich mein Sohn sehr für Zahlen und Buchstaben zu interessieren, also werden auch bei uns bald die bereits genannten Magneten zum Einsatz kommen.


Zu mir: Ich bin Sassi, angeblich 32 Jahre alt und seit geraumer Zeit mit dem Schulsystem per Du. Ich arbeite als Grundschullehrerin und versuche mich mal an einer kleinen Rebellion. Ein Unterricht auf Augenhöhe, das Annehmen von Individualität in der Schule und Freiraum für nachhaltiges Lernen. Mit Astrid Lindgren im Herzen und rosa Flausen im Kopf.

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3 Comments

  • Reply
    Frau.johannsen
    5. Februar 2020 at 11:36

    Amen! Danke, dass du diese Message in die Welt trägst. Genauso antworte auch ich immer auf diese Fragen.

  • Reply
    Frau L aus B
    13. Februar 2020 at 13:35

    Darf ich mich als Eltern auch einfach zurück lehnen und mein Kind spielen lassen? Bitte nicht falsch verstehen als Desinteresse – denke mir nur so „puuuh, ich hab da überhaupt keine Lust drauf, meinem Kind Zahlenmagnete oder so zu kaufen“. Das hat alles für mich so einen höher, schneller, weiter Beigeschmack – kann nicht auch mal einfach der normale Alltag zwischen Kita, berufstätigen Eltern, Geschwistern und meinetwegen noch Turnverein mal genug sein ‍♀️?

    • Reply
      familieberlin
      14. Februar 2020 at 10:21

      Oh ja, das darfst du. Und ich glaube, dass das auch die Botschaft hinter diesem Text ist. Das Kind machen lassen. Auf die Entwicklung schauen, nicht am Kind ziehen. Und sich eben auch einfach mal zurücklehnen und zuschauen.

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