Familie Krankheit

Wenn Kinder krank sind: Umgang mit elterlichen Ängsten

Ängste vor den Kindern zeigen? Jein.

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Eine Frage eurerseits und mit der ich mich wirklich schwer tue, ist die nach dem Umgang mit den eigenen Ängsten vor den Kindern. Und ich habe damit nicht nur Schwierigkeiten im Beantworten, es war für mich auch in der Praxis wahnsinnig schwer. Natürlich ist es nicht einfach, sich vor den Kindern zusammen zu reissen, wenn gerade etwas schlimmes passiert ist – vor allem, wenn es eben eines von ihnen betrifft. Aber ist es besser, so zu tun, als wäre alles ok und pötzlich sitzt man im Krankenhaus? Gerade mit der frischen Diagnose war ich von Ängsten übermannt. Und ja, ich habe auch geweint. Wieder ja, auch vor den Kindern. Das war für sie komisch und sicherlich auch verunsichernd. Aber ich wollte und konnte in dem Moment nicht woanders hin. Also habe ich mit ihnen gesprochen. Ich werde nie das Gespräch mit meiner Tochter vergessen, als wir vom ersten Arztbesuch heim kamen:

„Mama, warum weinst du?“
Weil ich Angst habe mein Schatz.
„Aber wovor hast du Angst Mami?“
Um dich. 

–Stille-


„Ich habe nachgefühlt, Mama. Ich hab keine Angst. Also brauchst du auch keine haben. Ok?“

Und vielleicht liegt in diesem Dialog eine wichtige Antwort auf die Frage. Vielleicht sollten wir weniger darüber grübeln, ob wir unsere Ängste auf unser Kind übertragen, sondern viel mehr ihre Unbedarftheit und Unschuld übernehmen. Denn Kinder verstehen viele Tragweiten noch nicht. Sie sehen in vielem keine Bedrohung und verstehen noch keine Ausmaße. Dieser Gedanke hat mich immer wieder in den Moment geholt.

Und wenn es doch mal zu viel wird, man am liebsten schreien oder auch lange weinen möchte, kommt das zum Tragen, was ich schon im Artikel über Hilfe für Eltern in schweren Situationen geschrieben habe: Sucht euch einen Raum bei Freunden oder Nachbarn, um einfach nur traurig, ängstlich, wütend oder hilflos sein zu dürfen. Ohne Sorge, es auf eure Kinder zu übertragen. Meine Nachbarin hat mir diesen Raum gegeben. Ich habe ihn nicht wirklich genutzt, aber das Wissen darum hat geholfen. Bei Instagram schrieb mir jemand eine wirklich schöne Geschichte dazu, ich gebe sie frei wieder:

Wenn mich die Gefühle und Ängste übermannt haben, bin ich ins Bad gegangen, um meine Kinder damit nicht zusätzlich zu belasten. Vom Bad habe ich das Haus unserer Nachbarn gesehen. Und dort brannte in einem Fenster immer eine Kerze/ein Licht. Das hatte unsere Nachbarin für mich angemacht, dass ich weiß: Ich bin nicht allein. Das schenkte mir sehr viel Kraft.

Ihr seht, die Frage nach der Angst vor Kindern ist nicht einfach zu beantworten. Ich glaube, dass es wichtig und richtig ist, mit den Kindern darüber zu reden. Altersgerecht natürlich, denn eine Dreijährige versteht andere Dinge als eine Sechsjährige. Doch wenn die Angst einen übermannt und man in diesem Moment das Ventil in starken Emotionen sieht, sollte man nicht vor den Kindern sein. Ich war damals unendlich dankbar für eine Freundin, die mich im Krankenhaus besuchte, als die Ärzte mit mir eine wesentliche Behandlung besprachen. Das nahm mich emotional so mit, dass ich danach erstmal raus musste. Heulen, schimpfen, fluchen. Sie kümmerte sich in der Zeit um mein Kind und ich hatte die Möglichkeit, all das rauszulassen, was definitiv nicht vor dem Kind raussollte.

Ruhig bleiben, aber wie?

Vorweg: Es gibt Momente, in denen bleibt man einfach nicht ruhig – siehe oben. Aber trotzdem ist es nicht sinnvoll, seinen Ängsten immer Raum zu geben. Ich hatte für diese Situationen zum Beispiel kleine Anker. So habe ich mir zu Beginn der Zeit eine Kette machen lassen, in die ich mein Mantra eingravieren ließ. Diese trug ich jeden Tag, im Krankenhaus auch nachts. Diese Kette hielt ich fest, wenn es mir zu viel wurde, ich aber gerade nicht wegkonnte. Dieser physische Anker kann alles sein, ein Armband, ein Ring, ein Stein – etwas zum Festhalten, Drücken oder Anschauen. Warum sollten nur Kinder Plüschtiere überall dabei haben dürfen?

Meine Anker: Eine Kette mit meinem Mantra und ein Freundschaftsring

Außerdem halfen mir auch hier kleine Dinge der Achtsamkeit:

  • Kurz die Augen schließen
  • Bewusst und langsam bis 10 zählen
  • Mehrmals bewusst und tief durchatmen
  • Sogenannter Bodyscan: Wie fühlen sich gewisse Körperteile an? Schwer, leicht, verspannt, locker, warm, kalt?

All das ließ mich etwas Abstand von der Angst in diesem Moment nehmen. Als es mir einmal im Familienleben zu viel wurde, habe ich mich in meine Laufsachen geworfen und bin einfach losgerannt. Und mit Rennen meine ich wirklich RENNEN. Es waren die bisher schnellsten vier Kilometer, die ich je gelaufen bin. Körperlich war ich danach am Ende, aber psychisch fühlte ich mich befreit. Wie oft habe ich mir diese Möglichkeit in der Klinik gewünscht, einfach mal loszurennen und damit alles rauszulassen.

Was kann euer Ventil oder euer Anker sein?

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4 Comments

  • Reply
    Jennifer
    18. Februar 2020 at 20:42

    Solche Gespräche, wie das mit deiner Tochter, über deine Angst um sie, da denkt man sich doch immer wieder, was für schlaue, tolle kleine Wesen das sind.
    Vielen Dank für das Teilen deiner Erlebnisse!

  • Reply
    Theresia
    18. Februar 2020 at 20:54

    „Denken Sie groß“ von Deichkind war mein Anker, als Hirnfehlbildungen und Behinderung im Raum stand. Viele Wege zum und vom Krankenhaus. Heute erinnert mich das Lied an eine ungewisse, angsterfüllte Zeit. Und auch wenn viele „schlimme“ Vermutungen eingetreten sind, ist dieses Lied immer noch der Reminder, dass man so eine Zeit schafft und auch jetzt noch groß denken sollte! Und das wohl auch unser Kind verinnerlicht hat

  • Reply
    Biggi
    18. Februar 2020 at 20:57

    Das ist ein sehr wertvoller Text. Vielen Dank für Deine ehrlichen Worte. Ich kenne diese Ängste auch…. und ich kann aus Deinem Text auch noch was lernen. Ich wünsche Dir und Deiner Familie von Herzen alles Liebe und Gute.

  • Reply
    Simdy
    20. Februar 2020 at 09:52

    Danke für den wertvolleb Text. Ich habe mich an einigen Stellen wiedererkannt und aus anderen kann ich etwas für die nächste Phase der Angst mitnehmen.

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