Gedanken Mamasein

Von Kraftlosigkeit zu harten Worten: Sätze, die ich nie sagen wollte

Eh ich mich versehe, rutscht es raus:

Ich zähle bis drei, dann…


Ich kann gar nicht so schnell gucken, wie diese Worte meinen Mund verlassen. Und dann sehe ich sie doch, drohend und groß im Raum stehen. Sie stehen vor mir und heben ihren Zeigefinger – doch nicht in Richtung meiner Kinder, sondern in meine. Und ich fühle mich genauso: Ertappt und gemaßregelt von meinem eigenen Gewissen. Ich habe sie sofort bereut, diese sinnlosen Worte, die wahrscheinlich keine schnelle Wirkung haben werden, aber bei übermäßigem Gebrauch einen bleibenden Eindruck bei meinen Kindern hinterlassen werden. Keinen Guten, wohlgemerkt.

Ein Satz, den ich niemals sagen wollte, genau wie viele anderen auf meiner NO-GO-Liste:

„Wenn du jetzt nicht xxxxx, dann nehme ich dir dein Lieblingsspielzeug weg.“,
„Iss auf!“
„Jetzt wird geschlafen, sonst komme ich nicht mehr rein!“

Respektvoll oder kraftlos?

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Nicht alle habe ich gesagt, aber „Ich zähle bis drei…“ reiht sich nun glanzvoll in diese Abgründe respektlosen Umgangs mit Kindern ein. Ihr schüttelt den Kopf, weil ich so mit meinen Kindern gesprochen habe? Rümpft ihr die Nase? Oder sitzt ihr zögernd nickend hier, weil auch euch ähnliche Worte rausgerutscht sind, die ihr nie sagen wolltet? Für beide Reaktionen habe ich Verständnis.

Aber warum sagen Eltern so etwas zu ihren Kindern, wo wir doch nahezu überall lesen, dass ein autoritärer Umgang keine starken und sicheren Kinder schafft? Wie kann ich diese Worte sagen, wo mir ein offenes, respektvolles und vor allem bedürfnisorientertes Zusammenleben in der Familie so wichtig ist und ich es auch überall propagiere? Ich kann nur von meiner Situation sprechen und doch vermute ich – ohne Belege – dass es vielen Müttern ähnlich gehen könnte:

Wir sind mit unseren Kräften am Ende. Wenig Schlaf, viele Konflikte, wenig Pausen, viele Bedürfnisse.

In meinem Fall war es so: Wir hatten einen aufreibenden Tag hinter uns. Jedes Wunschessen der Kinder wurde nicht angerührt, der Mittagsschlaf fiel für die eine aus, demnach kam auch die andere nicht zu Ruhe. Permanenter Streit zwischen den Kindern und Konflikte mit mir kamen oben rauf. Konflikte, weil ich anders handelte als von mir erwartet. Streit, weil jemand nicht das machte, was der andere wollte. Es war ein lauter Tag und er gipfelte eben in diesem Satz, als sich die Kinder wieder einmal komplett gegen meinen Wunsch sperrten. Der Wunsch war simpel: Kommt, wir gehen Baden. Die Reaktion: NEIN! Mein Ziel war es aber, endlich „Feierabend“ zu haben und saubere schlafende Kinder zu haben. Meine Antwort auf das NEIN kennt ihr nun.

Was begründet den Umgang mit Kindern?

Ist Kraftlosigkeit eine Begründung und adäquate Rechtfertigung für mein Verhalten? Nein! Aber ich sehe in dem Satz einen Weckruf. Es ist der Fingerzeig der Worte auf meine schwindenden Kräfte. Denn diese Tage sind aktuell keine Ausnahme. Wir alle brauchen Urlaub, eine Pause, Zeit ohne Termindruck. Und so ist dieser Satz eher eine Warnung für mich, auf mich und meine Bedürfnisse aufzupassen und nicht gegenüber meinen Kindern so zu handeln, wie ich es nie wollte.

Was, wenn das Kind in die andere Richtung will?

Aber wenn die Kinder nun mal nicht kooperieren? Ja, der Gedanke kam mir auch. Und ja, sie haben in diesem Moment nicht kooperiert, im Gegenteil. Doch wie oft haben sie es an diesem Tage schon getan? Als ich sie zum Händewaschen schickte. Als ich sie bat, den Tisch zu decken. Als sie ihr Spiel-Zeltlager im Flur abbauten. Als ich sie um eine Pause bat, weil ich mich ausruhen wollte. Kooperationsbereitschaft von kleinen Kindern ist endlich, erst Recht wenn sie aus dem Spiel in die Badewanne sollen und eben das nicht möchten.

Was wir daraus lernen sollten – für uns!

Dann ist es sicher die Aufgabe der Eltern, die Kinder dazu zu kriegen, aber um welchen Preis? Vielleicht gibt es eine Alternative, einen passenden Kompromiss oder eine schöne Begleitung dessen, was sie sonst nicht wollen. Eine Drohung ist definitiv nicht das Mittel der Wahl. Denn am Ende war es das: Eine platte Drohung, für die ich in der knappen Zeit, in der die Worte aus dem Kopf in den Mund und raus waren, nicht mal eine passende Konsequenz hatte.

Ich zähle bis Drei, dann…

Ja, was dann? Keine Ahnung! Und genau so schauten mich meine Kinder auch an. Zum einen, weil sie es nicht kannten. Zum anderen sicherlich, weil sie auf die Pointe warteten. Die blieb allerdings aus, denn ich hatte keinen Schimmer, was ich hätte androhen können und dann auch in die Tat umsetzen könnte.

Ich weiß nicht, was dann passiert, ohne meinen Kindern Angst zu machen. Denn Angst, das ist etwas, was ich ihnen nie machen möchte und wohl doch in kraftlosen Momenten wie diesen tue. Ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein und kann nicht immer auf meine Kinder eingehen, wie es vielleicht richtig wäre. Aber was ich tun kann, ist mein Verhalten zu hinterfragen, um Lösungen daraus zu ziehen:

Warum reagiere ich so?
Was fehlt mir?
Gibt es andere Wege für uns alle?
Wie kann ich zukünftig anders reagieren?

Und noch viel wichtiger, als mit meinem Verhalten zu hadern und es zu hinterfragen ist, dass ich mich bei meinen Kindern entschuldige. Sie sollen merken, dass es nicht richtig war, ihnen (mehr schlecht als recht) zu drohen und sie zu etwas zwingen zu wollen. Sie sollen wissen, dass auch ich Fehler mache, mich aber dafür entschuldige. Und ja, sie dürfen auch wissen, warum ich so handelte. Nicht, weil sie Schuld daran waren, sondern weil ich mir gerade nicht zu helfen wusste.

Wie ich aus der Situation wieder rauskam? Ich habe nochmal bis drei gezählt und dann ganz laut die liebste Bademusik der Kinder angemacht. Zusammen haben wir getanzt und in der Wanne gesungen. Das hätte ich auch früher so haben können, aber manchmal brauche ich eben einen Moment.

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4 Comments

  • Reply
    Kirsten
    25. Juni 2019 at 11:25

    Liebe Bella, dein Text spiegelt deutlich wieder wie ich mich im Moment leider oft fühle. Viel zu oft werde ich laut und dann rutscht eben genau so ein „famoser“ Satz raus.
    Für mich ist es dann auch wichtig, dass schnell mit den Kindern zu klären und meist sind sie auch sehr nachsichtig mit mir – das schale Gefühl bei mir bleibt.
    Der Grund für meine Dünnhäutigkeit ist die meist die Erschöpfung ausgelöst durch den anspruchsvollen Alltag mit zwei Kindern und Job und die Erkenntnis, dass ich mir dringend mal die Ruhe gönnen müsste um über Alternativen nachzudenken…
    Viele Grüße aus dem Südwesten, Kirsten

    • Reply
      familieberlin
      25. Juni 2019 at 12:19

      Ja, ähnlich ist es hier. Und genau diese Erkenntnis lässt und meiner Meinung nach besser werden. Denn die Ursache liegt in uns, ohne Härte und Verurteilung. Und damit kann man neu denken. Viel Kraft dir!

  • Reply
    Katharina
    25. Juni 2019 at 12:11

    Liebe Bella,
    vielen Dank für diesen Text. Er hat mich zum Nachdenken über einen Satz gebracht, den ich – ehrlich gesagt – immer wieder auch gebrauche. Und zwar ganz bewusst.

    Auch für mich stehen ein offener, respektvoller Umgang, Bedürfnisorientierung und eine angstfreie Umgebung ganz weit oben und ich bin alles andere als eine autoritäre Mutter. Aber neben allem Suchen nach Kompromissen, nach Diskussionen und vielem Erklären gibt es auch Situationen, in denen Kinder Dinge tun MÜSSEN oder NICHT tun dürfen, auch wenn es ihnen nicht passt. Und an diesen Stellen sehe ich gezielt gesetzte Konsequenzen als sinnvoll an. So lernen sie, dass ihr Verhalten bestimmte Folgen hat und dass es im Zusammenleben Grenzen gibt. Und der Satz? Der gibt ihnen Orientierung. Die Möglichkeit, über ihr Tun nachzudenken, nicht im Affekt zu handeln, sondern zu überlegen, ob sie diese Konsequenz in Kauf nehmen wollen. 1,2,3…und dann eine wohlüberlegte Konsequenz. Und ja, ich weiß, dass dieses Wort sehr verschrien ist, dass es oft gleichgesetzt wird mit Drohung und Gewalt. Aber vielleicht sollten wir darüber nochmal neu nachdenken. Konsequenzen bieten auch Orientierung, sind ein wichtiger Teil des sozialen Miteinander… solange sie fair, nachvollziehbar und gewaltfrei sind.

    Liebe Grüße!

    • Reply
      familieberlin
      25. Juni 2019 at 12:21

      Liebe Katharina, danke für deine Offenheit. Ich sehe es ähnlich wie du, dass Kinder Konsequenzen und ein bedachtes Miteinander lernen sollen. Aber eben nicht, weil sie in einem Moment nicht funktionieren und Dinge nicht machen, die wir verlangen. Es gibt Momente, da fackel ich auch nicht lange. Da halte ich mein Kind an der Straße fest oder nehme sie aus der Situation, wenn nur noch Hauen ihr Weg ist. Und auch ich sage „Wenn…dann“, in nachvollziehbaren Situationen. Wenn du nicht aufhörst, auf mir zu klettern, dann gehe ich aus dem Zimmer. Das tut mir weh“ oder ähnliches. Ich habe in dieser 123-Situation nur gemerkt, warum so kurchgeschlossene Sätze ohne Logik eben meinen Mund verlassen: Wenn ich selbst am Ende bin.

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