Geburt Schwangerschaft

Ein bisschen Natürlichkeit bleibt: die Unplanbarkeit einer Geburt

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Dieser Text entstand am 27.6.2016, vier Tage vor der Geburt meiner kleinen Tochter. Ich habe ihn jetzt in meinen Entwürfen gefunden und stehe nach wie vor hinter jedem Wort. Nichts ist so unplanbar wie die Geburt!

Wie ihr wisst, warte ich auf die Geburt von babyberlin. Vorfreude, Aufregung und Ungewissheit wechseln sich in mir stündlich ab. Keine Sorge, wir lassen uns Zeit, ich drängle sie auch nicht auf die Welt. Es ist halt so! Kind und Körper nehmen sich die Zeit, die sie brauchen. Doch in dieser Phase des Wartens und auch der extremen Obacht auf meinen Körper fällt mir immer wieder eines auf:

Es gibt nahezu nichts so unplanbares und doch natürlich belassenes wie die Geburt. 

Technisiert und ersetzt: ein Großteil des Alltags

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Heutzutage ist so vieles technisiert, kann berechnet und beeinflusst werden. Vieles hat sogar nichts mehr mit dem zu tun, wie es ursprünglich mal war. Fleisch zum Beispiel. Das Tier ist tot, das Fleisch kommt sauber und abgepackt daher. Sogar das Würzen übernimmt die Industrie. Wir können unsere Lebensmittel liefern lassen, auf die Stunde genau geplant. Wir können fertiges Essen bestellen, die Wäsche abholen und sauber wieder liefern lassen. Wir könnten unsere Kinder in die Betreuung bringen lassen oder sie nachmittags in einen langen Hort geben. Wir haben Termine im Beruf und Privat, wir schauen ständig auf die Uhr. Habe ich noch fünf Minuten Zeit für einen Kaffee? Darf mein Kind noch einmal durch die Pfützen springen, ehe wir weiter müssen? Der Zeitplan ist eng, wir haben wenig Spielräume. Wir wissen oft Tage im Voraus, wie die kommenden Wochen ablaufen werden, wann wir wo zu sein haben.

Aber nicht zur Geburt. 

Seit einigen Tagen überlassen wir das „planen“ babyberlin, machen wenige Termine, fahren keine weiten Strecken mehr. Nicht nur, um zur Geburt an der gewünschten Klinik zu sein. Auch, um meinen Körper und babyberlin nicht zu sehr zu stressen. Wir sammeln Kraft und Energie für diese natürliche unplanbare Zeit. Das ist seltsam, gerade, wenn man wie herrberlin vieles im Voraus wissen möchte, um zu gucken, ob der Plan aufgeht und wie er seine Tage bis zur Geburt sinnvoll planen kann. Welcher Plan? Zur Geburt haben wir keinen Plan…zeitlich gesehen.

Selbst ist die Frau – wenn es ums Kinderkriegen geht

Klar, theoretisch ist diese Übertragung eines Zeitplans und auch des konkreten Ablaufs ohne Schmerz und eigener Arbeit auf die Geburt möglich. Sieht man von einem geplanten Kaiserschnitt aus nicht medizinisch notwendigen Gründen mal ab, dann ist die Geburt aber doch einer der wenigen Prozesse heutzutage, der noch komplett ohne Planung und vollkommen natürlich ablaufen könnte. Der Körper bestimmt, wann es los und wie es weitergeht. Das Baby gibt uns Zeichen, dass es bereit ist. Es zeigt uns sogar, wenn etwas nicht stimmt und wir in die Klinik müssen. Wir lernen in dieser Endphase der Schwangerschaft noch mehr, auf die Natur und auf uns zu vertrauen. Keine Checklisten, keine Tabellen.

Wenn man es genau betrachtet, so ist doch die gesamte Schwangerschaft ein Wunder ohne Gleichen. Vieles kann abgegeben werden. „Outsourcing“ ist wohl einer der weit verbreitetsten Begriffe heutzutage. Mails outsourcen, Haushalt outsourcen. Ja, wenn ich wollte, könnte ich auch meine Kinder outsourcen und sie von jemand anderem rund um die Uhr betreuen lassen. Möchte ich aber ein eigenes Kind haben, dann habe ich (noch) keine Wahl, ich muss da selbst durch…zumindest in Deutschland. Mein Körper muss die Arbeit leisten, ich muss mich gedanklich mit einem weiteren Leben in mir befassen. Es gibt keine Maschine, die mir diesen Prozess abnimmt. Gott sei Dank – denke ich. Doch ich glaube, es gäbe einige Frauen, die gern Schwangerschaft und auch Geburt ihres eigenen Kindes anders organisert wünschten.

Kinder kann man nicht liefern lassen

herrberlin meinte während den Schwangerschaften oft zu mir, wenn er das Leben in meinem Bauch fühlte und Kontakt zu seinen Kindern aufnahm: „Krass, dieses Wunder der Natur. So vieles kann heute von Maschinen erledigt werden, wir können sogar unser Essen drucken lassen oder Autoteile. Nur Babys, die wachsen noch da, wo sie immer wachsen mussten: in der Mama.“ Recht hat er.

Kein 3D-Baby, was ich mir vorher am PC erstellt habe, keine Leihmutter, die für mich sowohl die körperliche aber auch die emotionale Arbeit übernimmt. Alles echt, mit Fleisch und Blut, mit Tränen und Schmerz und Nachgeburt. Kein sauberes Baby, was wir „abgepackt“ und zurecht gemacht überreicht bekommen. „Hier Frau Berlin, 3800 Gramm Baby, sauber, gewogen und bei guter Pflege sehr sehr lange haltbar. Wie gewünscht hat es die Features aus dem Comfort Paket.“

Unplanbarkeit deluxe!

Ich weiß nicht, ob babyberlin wie ihre Schwester mit dichtem schwarzen Haar zur Welt kommt und ebenso lange dünne Beine hat. Vielleicht ist sie endlich die, die meine Locken erbt oder meine „Sauerkrautstampfer“. Vielleicht lässt sie die Familie auch viel länger im Dunkeln tappen, von wem was angeblich ist. Weil sie einfach sie ist und sich ihren Weg auf die Welt gesucht hat…nach ihrem Plan, nicht nach dem anderer.

Übrigens: das Baby bzw. die Geburt, von der ich hier schrieb, liegt nun schon fast zwei Jahre zurück. Zwei Jahre mit Baby und Kleinkind, mit Lachen und Weinen, mit wenig Schlaf und vielen Lachfalten. Und ja – sie hat meine Locken und ein bisschen meine Sauerkrautstampfer. Aber noch viel mehr hat sie, was bisher niemand hatte.

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