Baby

Einmal vollladen bitte: über viel kindliche Nähe und den Mama-Akku

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Seitdem das Baby da ist, erlebe ich eine neue Dimension von Nähe. Sie sucht meine Nähe so sehr und oft, dass ich mich manchmal frage, ob es denn nicht reicht. Schon als kleines Baby war es so, dass ihr 100 Prozent von mir nicht zu reichen schienen. Nun ist sie über ein Jahr und noch immer bin ich ihre Nummer Eins. Bin ich im Raum, kann sie nur an mir, auf mir oder bei mir sein. Körperkontakt scheint ein Muss, denn oft möchte sie nicht nur auf meinen Arm, sie klammert ihre kleinen Finger auch um meine Hand oder in meinen Sachen fest. Es scheint, als gäbe ihr dieses Festhalten die nötige Sicherheit, dass ich nicht verschwinde. Selbst, wenn sie nur neben mir sitzt, drückt sie ihre Füße an mich oder lehnt sich an mich. Hauptsache Körperkontakt.

Ja, das ist mitunter sehr anstrengend, vor allem, wenn ich Dinge erledigen möchte. Ich habe selten zwei Hände frei oder kann mich auf etwas anderes konzentrieren, wenn sie dabei ist. Sie läuft am Liebsten an meiner Hand, möchte mit mir Kastanien sortieren oder schaut mir so tief in die Augen bei ihrem Gebrabbel , als verrate sie mir ihre tiefsten Geheimnissen. Sie und ich scheinen aktuell unzertrennlich.

Die Große: Schnell geladen, lange Laufzeit.

Schon bei der Großen habe ich bemerkt, dass sie durch Nähe Vertrauen schafft. Nicht zu mir, sondern zur Welt. Je näher ich bei ihr war, je enger sie Zeit mit mir verbrachte, desto freier schien sie im Nachgang. Damals kam mir bereits der Gedanke an einen Akku. Einen Akku, den jeder Mensch in sich hat, der aber nur durch emotionale Nähe geladen werden kann. Dieser Akku ist nicht von Kind zu Kind unterschiedlich. Er hat immer die gleiche Größe, aber er unterscheidet sich in Ladedauer und Intensität.

So hat die Große schon immer eine relativ schnelle Akkuladung. Sie brauchte Nähe, keine Frage. Doch das Kuscheln mit ihr dauert nie lang, manchmal braucht sie lange keine Ladung emotionaler Nähe. Der Akku hält und sie entdeckt die Welt. Sie spricht mit Menschen, als wäre sie nie schüchtern gewesen, sie klettert, spielt und räubert. Ihr Akku hält. Kommt er langsam in den kritischen, roten Bereich, so sucht sie mich. Sie lehnt sich an, kuschelt und braucht Aufmerksamkeit. Nicht lang, denn schnell ist ihr Akku wieder voll.

Das Baby: lange Ladedauer, kurze Laufzeit.

Das Baby ist anders, wie so oft. Sie scheint ihren Akku stundenlang zu laden, auch nachts. Sie kuschelt und klammert, spielt und redet mit mir ohne einen Blick für andere Menschen, die diesen Akku ebenso laden könnten. Doch entgegen der Erwartung, dass die lange Ladezeit, die sie braucht auch zu einem längeren Vertrauen in die Welt führt, ist auch hier das Gegenteil der Fall. Verbringt sie eine Stunde auf meinem Arm, verschafft mir das vielleicht fünf Minuten, um beide Hände im Bad frei zu haben. Ist ihr Akku vielleicht kaputt? So habe ich schon früh die Gewohnheit entwickelt, meine kleinste Tochter vor dem Essen zu tragen. Wenn mich jemand danach fragt, sage ich schon immer „Wir laden den Mama-Akku“. Viel Nähe und Körperkontakt führen dazu, dass ich wenigstens etwas frei essen kann, ohne jemanden auf dem Arm oder Schoß. Meist habe ich so 10-20 Minuten, dann teilen wir uns einen Stuhl zu zweit.

Manchmal wünschte ich, ich hätte mehr Freiheiten und könnte auch in ihrem Beisein einfach mal mein Ding machen. Aber dann denke ich mir, dass es genau meine Reaktion auf ihre Bedürfnisse ist, die sie zu einem sicheren und fröhlichen Menschen macht. Vielleicht nicht unmittelbar, aber langfristig! Weil sie eben genau weiß, dass ich da bin, ihr Sicherheit gebe und auf sie eingehe. Und wer weiß, wie lange ich Momente wie diese noch habe. Ich nicht.

Ich, ihre laufende Ladestation.

 

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10 Comments

  • Reply
    Susann
    4. Oktober 2017 at 17:30

    Ha! Super geschrieben! Ist der Akku kaputt? Frag ich mich auch oft – vor allem nachts. Tagsüber am Wochenende ist sie auch immer in meiner Nähe oder kommt aller 5 Minuten aus dem Nachbarzimmer und guckt was ich mache. Wenn es zu lang dauert wird ans Bein geklammert. Lautstarkes protestieren wenn ich das Zimmer verlasse… Aber in der Krippe oder unterwegs bei Freunden ist sie nicht schüchtern… Babysitter kommt auch prima mit ihr klar. Für ihre 13 Monate…nicht schlecht. Also muessen wir ja irgendetwas richtig machen.

    • Reply
      familieberlin
      4. Oktober 2017 at 20:49

      Hier kommt das Baby auch super mit allen anderen klar- solange ich nicht im Raum bin. Aber wehe, ich bin auch dabei und habe sie nicht auf dem Arm. Dann wird es laut!

  • Reply
    Evelyn
    4. Oktober 2017 at 20:01

    Liebe Bella,
    ich bin eigentlich eher der Stille-Mitleser-Typ, aber dein Artikel hat mir grad echt aus der Seele gesprochen.
    Außer dass unsere Nr 2 ein Junge ist, könnte ich den Text 1:1 als meinen ausgeben…
    🙂
    Und ich ziehe daraus Kraft (weil Dauer-Ladestation sein nun mal einfach auch anstrengend ist), dass es noch andere Mamas wie mich gibt, die einfach sagen „mein Kind BRAUCHT das halt nun mal“ und die teilweise argwöhnischen Blicke der Umwelt aushalten!
    Danke!

    • Reply
      familieberlin
      4. Oktober 2017 at 20:49

      Da freue ich mich aber. Und ja, es gibt Kraft, wenn man weiß, dass man nicht allein ist. Sowohl mit der kräftezehrenden Reaktion, als auch mit seinem Umgang mit dem Kind. So wissen wir, dass wir es genau richtig machen. 🙂

  • Reply
    Anne
    4. Oktober 2017 at 20:05

    Ja! Genau! Sehr passende Vorstellung, dieser Akku. Und hier ist es ähnlich, ich werde auch so ziemlich rund um die Uhr belagert und als Akku genutzt. Jetzt in der Kita-Eingewöhnung ist es besonders spannend, wie lange (und ob überhaupt) der Akku hält. Ich tippe eher auf die langfristige Wirkung… und auch wenn ich wie du kaum mal zwei Hände frei habe (wie machst du es dann, wenn du etwas tun musst? tragen?) So denke ich auch, die permanente Nähe gibt ihr Sicherheit für die Welt und Zukunft, für alles, was da kommen mag. Irgendwann auf jeden Fall! 🙂

    • Reply
      familieberlin
      4. Oktober 2017 at 20:48

      Puh, das ist nicht immer einfach. Ich komme leider mit einer Sling nicht klar, also habe ich sie auf dem Arm oder in der Trage auf dem Rücken. Ich habe mittlerweile so viele Tricks, wie ich einhändig Dinge tue, das wir ganz gut klar kommen. Zumindest verhungern wir nicht, Ordnung habe ich aktuell abgeschafft.

  • Reply
    Britta
    4. Oktober 2017 at 20:16

    Das kenne ich zu gut! Mir ist spontan ein älterer Artikel von mir dazu eingefallen, in dem es darum geht, wie wir alle davon profitieren, wenn das Bedürfnis nach Nähe befriedigt wird.

    https://fulltime-mami.blogspot.de/2017/09/verwohnprogramm.html?m=0

    Schau gern mal rein

    • Reply
      familieberlin
      4. Oktober 2017 at 20:46

      Das stimmt, alle profitieren davon. Mein Kind für sich und die Welt und ich, weil ich genau auf meinen Bauch gehört habe. 🙂

  • Reply
    Sunita Ehlers
    6. Oktober 2017 at 16:13

    So war und ist es bei meiner Großen noch heuteOsteopathie hilft kurzfristig aber grundsätzlich liebt sie einfach dieses aufladen. Phasenweise hatte ich sogar das Gefühl das sie am liebsten wieder reinkrabbeln würde

    • Reply
      familieberlin
      7. Oktober 2017 at 12:10

      Oh ja, dieses „reinkrabbeln“ denke ich auch oft. Mir sagte mal jemand, er habe den Eindruck, das Kind kam zu früh auf die Welt. Nicht von der körperlichen Entwicklung, sondern von der emotionalen her.

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