Langsam selbstständig Motivation

Langsam selbstständig: Nie wieder Bore Out.

Langsam Selbstständig ist zurück aus der Sommerpause. Spannende Themen und Interviews folgen nun wieder häufiger auf dem Blog. Über meine Motivation habe ich bereits geschrieben. Warum möchte ich selbstständig arbeiten? Ein Grund kam mir dabei aber bisher nicht in den Sinn: Langeweile. Und auch der Begriff passt nicht zu dem, worüber Melanie heute schreibt. Denn ihr war nicht langweilig, sie hatte einen Bore Out. Nun könnte man meinen, dass das ja entspannt sei, gegenüber einem Burn Out. Aber ich finde, eher das Gegenteil ist der Fall, denn die Begleiterscheinungen, über die Melanie berichtet, möchte ich nicht wegen meines Jobs haben. 

Melanie bloggt auf Glücklich scheitern über Familie, Feminismus und Fernweh. Ihre Selbstständigkeit baut sie langsam auf und ich bin gespannt, wohin ihr Weg sie führt. 

Nie wieder Bore Out

Für den Weg in die Selbstständigkeit gibt es viele gute Gründe. Bei mir kamen verschiedene Faktoren zusammen, die dazu führten, dass ich diesen Schritt wage.
Ein nicht unerheblicher Faktor war, dass ich zu oft in meinem kurzen Berufsleben Phasen des Bore Outs hatte. Grade mit Kindern führt das zu paradoxen Situationen: Während man auf der Arbeit vor Langeweile fast eingeht, erwarten eine zu Hause Stress & Hektik, mit der man nach stundenlangem Stand-By-Hirnbetrieb völlig überfordert ist.

Ich weiß, für Außenstehende klingt Bore Out nach einem Luxusproblem und man stellt sich das ein bisschen wie Erholung im Job vor. Das gilt vielleicht für einige Tage oder Wochen. Aber dann hat man eben auch das Internet leer gelesen, Bücher kann man vielleicht nicht mitbringen, weil noch wer anders mit einer im Büro sitzt oder es jederzeit klopfen könnte…Damit ihr einen kleinen Einblick bekommt, trage ich mal einige Erfahrungen und Erlebnisse mit meinem Bore Out zusammen:

Zu viel Motivation, zu wenig Arbeit

Ich habe gerne und lange studiert. Erst im sozialen Bereich ein Diplom gemacht und dann noch einen Master in Kultur-/Gesellschaftswissenschaften. Gerne wäre ich an der Uni geblieben, aber die Arbeitsbedingungen zeigten sich schnell als prekär und familienunfreundlich. Nach drei Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin fing ich dann im sozialen Bereich an, aber was das „prekär“ anging, stand es der Wissenschaft in nichts nach. Das heißt: Befristung und schlechte Bezahlung. Ich hab mich auf diverse Stellen beworben und bin dann zunächst im öffentlichen Dienst gelandet. Weitere Erfahrungen mit Bore Out machte ich aber auch bei kirchlichen & freien Trägern.

Ich war hoch motiviert. Schließlich hatte ich viel studiert, viel Fachwissen und mir war es immer wichtig, mich mit meiner beruflichen Tätigkeit zu identifizieren, mich selbst verwirklichen zu können und als Leistungsträgerin wahr genommen zu werden. Hier fängt die Ironie an, hatte ich mich doch in meinem gesellschaftswissenschaftlichen Studium mit all den Mythen rund um Arbeit beschäftigt. Aber so ist das wohl, gewisse Muster lassen uns wider besseren Wissens nicht los und der gesellschaftliche Tenor ist ja auch: Du musst Dich nur anstrengen, dann findest Du den richtigen Job – oder er Dich.

Auch außerhalb der Arbeit ist für mich Stillstand der Tod.

Melanie

Gerade auch nach meinen Arbeitserfahrungen an der Uni, wo es immer was zu tun gab und man sich den Feierabend bewusst nehmen musste, weil theoretisch immer noch ein Buch zu lesen oder zu schreiben war, war der Kontrast ins gesettelte Berufsleben riesig.
Ich hatte ein konkretes Aufgabenfeld, aber bald zeigte sich, dass die Stelle zwar „da“ war, aber kaum mit Inhalt gefüllt werden konnte. Die Kolleg_innen, mit denen ich arbeitete, hatten ganz andere Aufgaben und ich konnte ihnen auch nicht unter die Arme greifen. Zunächst versuchte ich mir irgendwie Aufgaben zu suchen. Das schaffte mir eine halbe Stunde zusätzlich am Tag, aber es blieben immer noch ca. 7 zu füllen, die nicht gefüllt werden konnten.

Ich schleppte mich morgens als erstes zum Kaffeeautomaten und suchte mir dann für jede volle Stunde ein „Highlight“: Frühstückspause, zum Briefkasten gehen, Kaffeepause, Mittagspause, zum Kopierer gehen – die Zeiger der Uhr drehten sich einfach nicht schneller. Ich sprach mit meinem Chef, der die Misere wohl sah, aber auch nichts ändern konnte.

Die Folgen: Ich schlief schlecht. Sehr schlecht. Ich wurde nachts wach und starrte stundenlang an die Decke. Im Zug zur und von der Arbeit heulte ich manchmal, einfach so. Ich verlor auch im Privaten nahezu jeden Antrieb. Einkaufen fiel schwer, Kochen noch schwerer. Nichts von dem, was mir sonst Freude bereitete im Leben, machte noch Spaß. Ich hatte keine Lust mehr Freund_innen zu treffen, zu lesen oder am Wochenende zu verreisen. Damals hatte ich noch keine Kinder und so konnte ich zumindest viel Sport machen, was vermutlich eine Depression verhinderte. Nach 7 Monaten wurde mir eine andere Stelle angeboten, außerhalb der Behörde und ich griff zu und kündigte direkt.

Mit Kindern ist es anders

Ähnliche Arbeitssituationen hatte ich noch zwei mal. Da hatte ich dann bereits Kinder. Die erste Zeit war es da natürlich schön, erstmal ins Büro zu kommen und durchzuatmen, einen Kaffee zu trinken oder in Ruhe Mails zu checken. Oder ein bisschen in den Blogs rumzulesen. Einmal las ich zu Beginn eines neuen Jobs zwei Wochen lang Krimis, weil die EDV-Abteilung es nicht schaffte, mir einen Computerarbeitsplatz einzurichten. Natürlich musste aber Arbeitszeit abgeleistet werden, man kann ja nicht mit zwei Wochen Minusstunden in einen neuen Job einsteigen. Gelegentlich beantwortete ich dann Anrufe und führte Kundengespräche.

Ich recherchierte für den Familienurlaub, sehr ausgiebig und akribisch. Aber auch nach den zwei Wochen ohne Computer zeigte sich: Viel mehr ist auch jetzt nicht zu tun.
Ich war in einem Dilemma: Meine Kolleg_innen mit gleichem Aufgabenbereich saßen an einem anderen Ort, hatten andere Klientel. Ich war ja neu. Konnte ich die ehrlich fragen, ob es ihnen auch so geht? Meinen Chef wollte ich auch nicht darauf ansprechen, denn vielleicht ging es ja den Kolleginnen genau so, aber sie waren damit zufrieden? Dann würde ich sie vorm Chef in die Pfanne hauen. Das wollte ich auch nicht.
Es gab wenig Möglichkeiten, meine Stelle „frei“ zu füllen, also z.B. Angebote zu entwickeln, weil das vom Träger gar nicht gewünscht war.
Kam ich mal später oder musste früher gehen, weil der Kindergarten schloss oder ein Termin mit den Kindern anstand musste ich die verlorene Zeit „nachholen“, denn natürlich gab es Arbeitszeiterfassung. Es gab also Tage, da langweilte ich mich noch länger.

Ich war sehr sehr schlecht gelaunt in der Zeit. Meine Kinder und der Mann bekamen das deutlich zu spüren. Ich war noch ungeduldiger mit ihnen als sonst schon. Ich spielte nicht mit ihnen, wollte nicht vorlesen. Es gab meist Fertiggerichte, weil ich nach der Arbeit keine Kraft mehr hatte zu kochen, schon gar nicht „frisch und gesund“.

Kraftlos

Ja richtig, ich hatte keine Kraft mehr. Ich erinnere mich an meine Zeit als Kellnerin, wo ich in Hochzeiten bis zu acht Stunden am Stück lief und lief und einschenkte und lief. Mehrere Tage am Stück. Ähnlich erschöpft wie damals war ich nach einem Tag auf der Arbeit, an dem NICHTS zu tun war.
Vor allem, da eine Perspektive fehlte, dass jemals was zu tun sein würde. Es ist sehr wohl was anderes, wenn grade das Sommerloch ist oder nach einer anstrengenden Projektphase wieder Ruhe einkehrt, die dann so erfrischend und erholsam ist wie das Gewitter in einer heißen Sommernacht.

Abends trank ich öfter Alkohol als sonst und versank in Serienbingewatching. Nicht (nur), weil ich die Serie klasse fand, sondern vielmehr um den Gedanken an den nächsten Arbeitstag wegzuschieben. Die holten mich dann nachts. Oder ich konnte, wenn eins der Kinder am frühen Morgen im Schlaf sprach oder im Traum weinte, nicht mehr einschlafen. Und lag dann zwei Stunden vorm Weckerklingeln wach. Einmal traute ich mich, mich krank schreiben zu lassen. Der Arzt nannte es „vegetatives Erschöpfungssyndrom“ und verschrieb mir Eisentabletten.

Die halfen natürlich gar nichts, auch wenn meine Eisenwerte tatsächlich im unteren Bereich waren. Waren sie aber schon immer. Und trotzdem hatte ich lange Phasen in meinem Leben in denen ich glücklich und voller Tatendrang war.
Ich fühlte mich krank, ohne krank zu sein.

Das Schlimme am Bore Out? Die eigenen Gedanken!

Sei doch froh, dass Du überhaupt Arbeit hast! War so ein Satz, grade durch die prekären Arbeitsbedingungen, die ich da schon kannte.Ich hatte das Gefühl, dankbar sein zu müssen, schließlich bekam ich ein festes Gehalt, hatte Gleitzeit und Chef und Kolleginnen waren voll nett. Es ist doch ein „guter“ Job – schließlich musste ich nichts Verwerfliches tun. Langeweile ist doch wirklich ein kleines Übel!

Ich fühlte mich undankbar und unzulänglich. Es gibt so viele Probleme auf der Welt und ich werde depressiv (die Symptome sind oft tatsächlich sehr ähnlich – wenn auch eben die Ursache „von außen“ kommt und Medikamente/Therapie da nicht helfen) bloß weil ich nicht weiß, wie ich die Zeit totschlagen soll!
Auch die Reaktionen anderer zielten in die gleiche Richtung. „Goldener Käfig“ nannte das eine Freundin. Ja, golden vielleicht. Aber wenn man im Käfig sitzt ist das Material egal. Man sitzt drin und kommt nicht raus.

Verantwortung nicht nur für mich

Hinzu kommt natürlich, dass man mit Kindern ein anderes Maß an Verantwortung hat. Würde ich kündigen und kein Arbeitslosengeld bekommen stünden wir als Familie ziemlich doof da.
Ich habe aber auch eine Verantwortung mir selbst gegenüber. Deshalb bin ich all meine verschiedenen Möglichkeiten durchgegangen. Auch aus anderen Gründen stand die Selbstständigkeit schon länger ganz oben auf meiner Liste.
Da ich aber immer daran geglaubt habe, eine unbefristete Stelle im Angestelltenverhältnis sei das einzig „Wahre“, bin ich selber lange nicht darauf gekommen, dass ein eigenes Business eine echte Option ist.
Inzwischen bin ich nach Abwägen aller Möglichkeiten aber soweit und werde ab Herbst auch über meinen Weg dorthin und meine Projekte bloggen.

Falls ihr auch unter BoreOut leidet oder weitere Fragen habt: 1. Ihr seid nicht allein! Noch mehr aber, als ein BurnOut, der ja immerhin anzeigt, dass man ordentlich Leistung gebracht hat, ist der Bore Out ein Tabuthema in der Arbeitswelt. Ich freue mich aber 2. über eure Mails und Berichte – es gibt immer eine Lösung!

Danke Melanie!

In der Reihe „Langsam selbstständig“ teile ich meine Erfahrungen über den achtsamen Weg in die Selbstständigkeit. Familie und Unternehmen unter einen Hut zu bekommen, ist nicht einfach. Umso wichtiger ist es, meine Schritte und auch meine Kräfte, bedacht zu planen. Ich möchte darüber schreiben, was mich in diesem Zusammenhang bewegt, was mir hilft und auch, wer mich inspiriert. Denn es gibt viele starke Menschen da draußen, die diesen Weg schon gegangen sind. Lasst uns gemeinsam davon profitieren. 

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2 Comments

  • Reply
    einglueck
    7. September 2017 at 12:45

    Ich verstehe dich. Mir ging es nach der Elternzeit ähnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm. Man hat mir nur meinen alten (leitenden) Job nicht wiedergegeben („Geht ja nicht mit Kindern“) und stattdessen eine andere Stelle geschaffen. Auf dem Papier. Ohne Team, ohne Befugnisse. Der Unterschied war, dass ich mir nach und nach Projekte, Verantwortung und auch wieder Spaß schaffen konnte. Das geht aber eben nicht immer… Insofern: Gut, dass du dich selbstständig gemacht hast! So etwas kann man nicht ewig aushalten.

  • Reply
    Die Freitagslieblinge mit einer Rückreise und einem Neuanfang
    8. September 2017 at 08:01

    […] Einschulung ihres zweiten Kindes kann ich gut nachvollziehen und ich finde es gut, dass die Reihe zur Selbstständigkeit bei Familieberlin zurück ist. Ihr seht, einiges zu entdecken in dieser Woche die mit einer Rückreise begann und mit […]

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