Kleinkind Mamasein

Einzug des Wutbürgers: Das Om der guten Mutter

Kürzlich telefonierte ich mit meinem Papa. Während das Gespräch am Anfang vorwiegend zwischen ihm und miniberlin stattfand, kippte irgendwann die Stimmung. Irgendwas an der Situation, der fehlende Nuckel oder, dass ich dem Kind einen Keks geklaut hatte, sorgte dafür, dass sich mein kleines liebes Wesen in eine zornige Furie verwandelte. Am anderen Ende des Telefons hörte ich nur „Ist das miniberlin? So kenne ich sie ja gar nicht.“

Tja, nun denn: ich auch nicht. Zumindest noch nicht lange. Seit einiger Zeit habe ich einen kleinen Wutbürger zu Hause, der selbst nicht so recht weiß, wie er mit sich und seinen Gefühlen umgehen soll. Perfekt, da sind wir ja schon zwei. Denn ich weiß es auch nicht. Wir hatten nun schon mehrmals die Situation, dass etwas in derselbigen miniberlin nicht passte. Leider haben wir das Stadium der klaren Sätze noch nicht erreicht, so dass sich miniberlin nicht klar ausdrücken konnte und ich sie demnach nicht verstand. Es soll Eltern geben, die können jeden Mucks deuten. Ich gehöre leider nicht dazu. Deswegen stehen wir des öfteren da- ich ratlos, miniberlin aufgelöst, wütend, schreiend. Und trotz ihrer konsequenten Art, ihren Unmut auszudrücken, wirkt sie hilflos. In manchen kleinen Augenblicken merke ich ihr an, dass sie sich und die Situation auch gerade nicht versteht.

Wenn wir Zeit haben, hilft nur eins: Ruhe

Doch wie kommen wir da nun wieder raus? Ich habe mittlerweile gelernt, dass es sinnlos ist, die Situation anzupassen. Kommen die Wuthörner beim Essen, ist es zu spät, etwas anderes aufzutischen, den Teller zu tauschen oder auf miniberlin einzureden. Egal, was ich tue, es würde nur schlimmer werden. Gerade in Situationen, in denen es Spinat gibt, muss ich das Glück der noch weißen Wand nicht herausfordern. Deswegen bleibe ich mittlerweile ruhig. Keine Sorge, der Weg zu dieser Erkenntnis ist gepflastert mit vielen Tellern auf dem Boden und Spielzeug an der Wand. Auch der Rat von Susanne von Geborgen wachsen „Abwarten und Tee trinken“ trug dazu bei. Und auch wenn manche Menschen sagen, ich solle mein Kind in dieser Situation allein lassen und gehen, habe ich gelernt, dass das nicht geht.

Das typische Beispiel ist das schreiende Kind auf dem Boden des Supermarkts. Es gibt die Mütter, die lassen ihr Kind brüllen und gehen aus dem Blickfeld, es gibt andere, die reden auf ihr Kind ein und/oder erfüllen jeden Wunsch. Und dann gibt es natürlich die Statisten, die gern Ratschläge geben und mitmachen. Meist sind sie über 60 und sagen „Lassen se ma ordentlich schreien, dit hat noch keenem jeschadet.“ Nun bin ich ja noch nie ein Fan des Schreienlassens gewesen. Trotzdem möchte ich meinem Kind in diesen Wutsituationen nicht das Gefühl geben, dass es nun alles bekommt, was es will um ruhig zu sein. Deswegen habe ich den einfachen Weg für uns gewählt: Mama bleibt ruhig.

Ich bestrafe mein Kind nicht für seine Gefühle

Bisher hatten wir das Glück, dass der Wutbürger nur zu Hause auftauchte. War das der Fall, habe ich miniberlin eine Alternative zur Situation angboten oder sie gefragt, was sie möchte. Auch wenn sie es noch nicht ausdrücken kann, meist weiß sie es. Und weiß sie es nicht, dann kann sie zumindest mit einem klaren Nein sagen, was sie nicht möchte. Was ich aber nie gemacht habe, ist: mein Kind allein gelassen. Ich habe nicht den Raum verlassen, mich verabschiedet oder sogar die Tür geschlossen. miniberlin hat gerade nichts Falsches gemacht, warum soll ich sie bestrafen? Genau. Sie mit ihren Gefühlen allein zu lassen, finde ich, ist eine Strafe für sie. Sie ist 21 Monate alt, sie weiß nicht, was sie gerade fühlt. Und da wir bisher immer die Zeit hatte, habe ich mich einfach in einigem Abstand hingesetzt und sie gelassen. Zu nah wollte sie mich nicht, sie hat mich sogar weggeschubst. Das tut weh, aber damit muss ich leben. Oft kamen sie dann, die kleinen Lichtblicke in ihrer Wut, in denen sie Luft holte und merkte: Moment mal, was war eigentlich? miniberlin kann die Situation noch nicht reflektieren, noch ihre Gefühle einordnen. Aber sie merkt sehr wohl, ob das Problem noch besteht oder sie davon noch gestört wird. So kam sie bisher danach immer auf mich zu, kuschelte sich an mich und war einfach nur „bei sich“ auf meinem Schoß.

Wenn ich merke, dass sie sich damit beruhigt hat und mich als Mama wieder zulässt, fange ich an mit ihr zu reden. Was machen wir gerade? Was haben wir heute vor? Und was möchte miniberlin? Langsam kommt sie wieder an im hier und jetzt und ist wieder mein kleines zauberhaftes Wesen, was Handküsse verteilt und über Bäume staunt. Bis der Wutbürger das nächste Mal einzieht. Und was mache ich dann? Vor allem, wenn ich es mal eilig habe?

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3 Comments

  • Reply
    Sylvia
    16. November 2015 at 13:02

    Hallo Bella,

    wir sind auch gerade dabei herauszufinden wie wir diese Situationen meistern.
    Zuviel Nähe mag der Käfer auch nicht, wenn sie am Brüllen ist. Es ist schwierig letzte Woche hat sie 1 1/2 Stunden gebrüllt und ließ mich gar nicht mehr an sich heran. Mein Mann und ich wollten sie fürs Bett fertig machen, sie wollte vielleicht noch etwas spielen? Richtig verstanden hatte ich sie nicht.
    Ich wusste nicht, soll ich nachgeben und sie wach lassen oder wie jeden Abend gegen 19:30 Uhr / 20:00 Uhr ins Bett?
    Wenn etwas nicht so läuft wie sie es möchte, kann ihre Stimmung Blitz schnell umschlagen.
    Ich versuche herauszufinden was sie möchte oder nicht, nicht immer einfach.
    Ganz liebe Grüße
    Sylvia

  • Reply
    vomwachsenundwerden
    26. April 2016 at 19:59

    So ein schöner Text über so ein schwieriges Thema… 🙂 Hattet Ihr inzwischen schon Wutbürger-Anfälle in der Öffentlichkeit? Das mit dem Ruhe-Bewahren und einfach-da-sein wird dann ja ungleich schwerer. Die Statisten mit ihren Kommentaren machen mich jedes Mal wieder fassungslos. Aber sie sind immer da, egal ob das Kind weint, wütet oder einfach nur vor sich hinguckt. Irgendeinen Kommentar meint immer jemand machen zu müssen…

    • Reply
      familieberlin
      27. April 2016 at 09:30

      Es ging bisher. Auch öffentlich habe ich bemerkt, dass ruhig mit ihr reden hilft. Nix vorflunkern, aber normal sagen, warum manche Sachen jetzt nicht gehen und daheim dann eben…wie Joghurt kaufen, obwohl der Kühlschrank zu Hause voll davon ist. Mal gucken, wie lang es noch gut geht. 😉

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