Familie Mamasein

Eine Welt ohne Hebammen: Gefangen in der Warteschleife

Freiberufliche Hebammen stehen kurz vor dem Aus. Die gesetzlichen Krankenkassen wollen die Leistungen nicht mehr zahlen und bieten Alternativen. Denken Sie. Die sehen jedoch, simpel gesprochen, so aus: Service-Telefone und Broschüren. Jetzt denkt mal an die erste Zeit als Mama zurück. Frisch nach der Geburt, fertig, voller Fragen. Mögliche Sorgen, Probleme und Ängste habe ich mal versucht, dem imaginären Infotelefon der Gesetzlichen Krankenkassen zu stellen. Alle Probleme der telefonierenden Bella sind frei erfunden, aber immer möglich, ne?

Hebammen

*Ring Ring Ring Ring*

GKV: Herzlich willkommen beim Servicetelefon der Krankenkasse für Alle. Wir sorgen dafür, dass ihnen HIER geholfen wird, nicht woanders. Sie haben Fragen zur Einstellung ihrer Insulinpumpe? Drücken Sie die 1. Bei Fragen rund um ihr Kind, Baby oder auch sie selbst während oder nach der Schwangerschaft oder auch mitten in der Geburt? Drücke Sie die 2. Sie sind sich unsicher, wie sie ihr Gebiss einsetzen können? Drücken Sie die 3. Ansonsten bleiben Sie bitte einfach dran.

Drücke 2.

GKV: Herzlichen Dank. Sind Sie schwanger? Drücken Sie die 1. Sie haben gerad geboren? Drücken Sie die 2. Sie sind mitten in der Geburt? Drücken Sie die 3. Sie haben gesundheitliche Fragen zu Ihrem Baby? Drücken Sie die 4.

Drücke 2.

*Warteschleifenlied Born to be wild*

10min später

*Bitte warten, gleich helfen wir Ihnen gern.*

5min später

GKV: Servicetelefon Krankenkasse für alle. Auszubildener Christian Müller Dingda mein Name, was kann ich für sie tun?

Bella: Hallo, hier ist Bella. Ich habe vor drei Tagen mein Kind geboren und einige Fragen

Babygeschrei im Hintergrund

GKV: Entschuldigen Sie, was haben Sie gesagt? Ich habe Sie nicht verstanden, ihr Baby schreit so laut.

Bella: Ja, darum geht es ja.

GKV: Worum?

Bella: Um mein Baby, es schreit. Warum?

GKV: Haben Sie es denn schon gefüttert.

Bella: Ja, danke. Darauf bin ich gekommen.

GKV: Ist die Windel frisch? Ist es müde?

Bella: Ja, wickeln kann ich auch. Aber es schläft nicht gut.

GKV: Sehen sie, da haben wir doch den Grund. Legen Sie ihr Kind ins Bett. Wenn es eingeschlafen ist, ist es ruhig und danach entspannt.

Bella: Es lässt sich aber nicht beruhigen. Ich habe das schon probiert. Es beruhigt sich nur auf meinem Arm.

GKV: Das wird das Problem sein, sie müssen es nur mal ordentlich schreien lassen. Dann wird das schon. Sie verwöhnen ihr Kind zu sehr. Das werden Sie noch merken, dann tanz ihnen ihr Baby auf der Nase rum. Aber mal was anderes, stillen sie?

Bella: Ja, natürlich. Am Anfang war das nicht so einfach. Aber mein Mann hat das dann mal gegooglet und wir haben vieles probiert. Es gibt ja ganz tolle Blogs darüber. Ihre Infoseite A-Z für Schwangere und Wöchnerinnen hat mir leider nicht geholfen.

GKV: Nicht? An der Erstellung habe ich selbst in meinem ersten Ausbildungsjahr mitgearbeitet. Vielleicht reicht ihre Milch nicht. Machen Sie dem Kind doch einfach mal ’ne Milch. Das wird Hunger haben.

Bella: Woher wollen Sie das denn wissen?

GKV: Weiß ich nicht, aber ich vermute, dass ist es. Bei einer Erhebung unserer Krankenkasse kam heraus, dass seit 2016 die Babys nicht satt werden sind. Nimmt es denn gut zu?

Bella: Woher soll ich das wissen? Kontrolliert man sowas?

GKV: Natürlich, wissen Sie das nicht?

Bella: Nein, woher denn? Im Krankenhaus hat man mir das nicht gesagt. Da sind nur alle aufgeregt und gestresst hin und her gelaufen. Ich war froh, dass ich nach Hause durfte. Hier war es entspannter. So konnten wir die Geburt besser verarbeiten.

GKV: Was muss man denn eine Geburt verarbeiten? Sie waren sicherlich ausgezeichnet versorgt im Krankenhaus. So muss das sein, das ist eine Leistung von uns für unsere schwangeren Patienten. Haben Sie unsere 6-seitige Infobroschüre bekommen? Darin steht alles, was junge Mütter wissen müssen.

Bella: Nein, leider nicht. Nach 8h Wehen sollte ich eine PDA bekommen. Das muss so, haben die gesagt. Ich wollte das nicht. Die junge Hebamme wirkte sehr überfordert und musste drei Kreissäle gleichzeitig betreuen. Am Ende war ich mit der Ärztin allein, die mich nur anschrie, weil es kurz vor 17 Uhr war. Dabei ist auch einiges kaputt gegangen während der Geburt.

*Stille am anderen Ende

Bella: Apropo, ich hätte da mal eine Frage. Seitdem die Schmerzmittel nachgelassen haben, drückt der Damm extrem und es ziept sehr. ich traue mich auch nicht mehr, auf die Toilette zu gehen. Ich hatte einen Dammriss dritten Grades. Was kann ich denn da machen?

GKV: Tja, nun… warten Sie, ich schau mal im Handbuch.

Soll das wirlich so sein in Zukunft? Ohne meine Hebamme wäre ich untergegangen und hätte nicht so eine entspannte erste Zeit gehabt. Denn SIE war da und hat mir JEDERZEIT geholfen.

Was sagt ihr dazu? Unterstützt die Petition gegen die Abschaffung freiberuflicher Hebammen!

11693965_424321037752009_4590123246049693736_n

You Might Also Like

4 Comments

  • Reply
    Kathrin
    9. Juli 2015 at 14:27

    Super geschrieben!

    • Reply
      familieberlin
      9. Juli 2015 at 19:34

      Danke, das freut mich sehr! Musste mal raus, jetzt könnte ich es noch beliebig erweitern…

  • Reply
    Meine Top 12 Blog - Lieblinge des Jahres ~ Glucke und So
    18. Dezember 2015 at 07:31

    […] noch in Worte fassen und katastrophal, ist eigentlich die Untertreibung des Jahrhunderts aber was Bella beschreibt, das macht mir wirklich Angst und es ist dennoch inzwischen fast Realität. Familieberlin ist ein […]

  • Reply
    Martha
    23. März 2017 at 23:07

    Ich hatte eine tolle hebamme und habe trotzdem mal bei der krankenkasse angerufen, weil meine hebamme urlaub hatte und mein baby so viel schrie. Das telefonat war … ernüchternd. Falsch gemacht hatte ich bis dato alles mit meinem kind und jetzt musse ich lernen ihn abzugeben, damit ich schlafen kann. Baby war 12 wochen alt. Echte hilfe kam dann zum Glück nach ihrem urlaub gleich wieder zu mir.

Leave a Reply