Gedanken

„Du bist eklig“: Kinder stark machen

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Mama sein ist manchmal ein Kampf mit sich selbst. Wenn innerlich so viele Gefühle durchkommen, während die kühle rationale Seite weiß, dass es falsch ist. Nicht falsch, so zu fühlen, aber im Zweifel falsch, kurzentschlossen zu reagieren. So war ich neulich kurz davor, einen Fünfjährigen zu Schubsen. Nein, ich tat es nicht, aber ich hätte es am Liebsten getan. „Du bist eklig, du Lullibaby. Ich will nicht mit dir spielen“, sagte er pausenlos zu meiner Dreijährigen.

Während sie es beim ersten Mal noch witzig fand, sah ich, wie sie langsam einknickte. Ja, es gibt schlimmere Sätze und auch Taten, aber in der kleinen Welt meiner Dreijährigen schien er eine Menge anzurichten. Während dieser Junge meiner Tochter immer wieder an den Kopf warf, sie sei eklig, hätte ich ihn am Liebsten angeschrien und geschubst. Nicht, weil ich so mit Kindern umgehe, sondern weil ich mich vor mein Kind werfen wollte. Ob es was geändert hätte? Ich bezweifle es. Denn als ich meine Tochter da stehen sah, mit traurigem Blick und hängendem Kopf, kamen Erinnerungen hoch.

Erinnerungen an dieses Gefühl

Ich erinnerte mich nicht an das Gefühl, als Josi mit drei nicht mit mir spielen wollte. Aber ich wusste, dass ich nicht dabei sein durfte. Und ich erinnerte mich an das Stechen im Bauch, als Nico mich mit acht vom Klettergerüst schubste oder an die Tränen, die ich mit 11 auf der Schultoilette ließ, weil ich als Einzige keine Markenjeans trug. Auch wenn ich heute die Handlungen, Reaktionen und Gefühle einordnen und auch vergeben kann, so war ich damals vor allem hilflos.

Ebenso hilflos war meine Mama, die mich jeden Tag in den Arm nahm und tröstete. Hilflosigkeit war es wohl auch, als sie sich nach Wochen hinter mir, vor mich stellte. Sie stellte sich zwischen mich und die Mädchen, die mir das Leben schwer machten. Heute wissen wir beide, dass sie es damit noch schlimmer machte. Damals hoffte sie wahrscheinlich nur, dass sie endlich aufhören würden, ihre Tochter zu drangsalieren. Weil ich die falschen Klamotten trug, keine Poster an den Wänden hatte oder in der Schule besser war als andere.

Mobbing gab es damals nicht

Damals ärgerte ich mich sehr über meine Mama. Nun war ich nicht nur die ohne Levi’s Jeans sondern auch noch die Petze, die sich bei Mama ausweinte. Was ich aber damals nicht ahnte ist, was diese Situation mit Müttern macht. Im Grunde weiß ich es bis heute noch nicht, denn dieser Junge, der einmal meine Tochter ärgerte ist nur ein Tropfen gegenüber dem See an Tränen, die ich damals wegen der vielen Hänseleien bei meiner Mama ließ. Aber diese Situation ließ mich erahnen, wie es ihr damals ging. Und niemand weiß, ob es mir nicht auch mal so gehen wird. Damit meine ich keine Streitereien unter Freunden, sondern ernsthafte Hänseleien und Mobbing (ein Begriff, den es damals noch nicht gab!).

„Ich bin eklig.“ Nein!

Am Abend stand meine Tochter übrigens vor dem Spiegel und sagte laut zu mir „Mama, ich bin eklig!“ Obwohl ich wusste, woher diese Worte kamen, fragte ich sie, wie sie darauf kommt. „Das hat der Paul gesagt.“ Und ich nahm sie in den Arm, wie meine Mama damals. Ich sagte zu ihr, dass es nicht stimmt. Das nicht jeder Mensch immer Recht hat. Ich sagte meiner Dreijährigen, dass sie toll ist, schlau, witzig und wunderschön. Sie schaute mich einfach nur an und lächelte dann, kuschelte sich noch etwas dichter an mich und gab mir einen Kuss. Einfach so. Wer meine Tochter kennt, weiß, dass Küsse nicht oft gegeben werden.

Seitdem sage ich meiner Tochter übrigens oft, dass sie toll ist. Ich sage ihr, wenn ich finde, dass sie in einem Moment besonders schlau, witzig oder mutig war. Nicht, um sie zu verwöhnen oder zu verziehen, sondern um ihr zu zeigen, was ein Mensch alles sein kann. Denn es gibt so viele Eigenschaften, die es zu benennen lohnt. Die sie kennen soll, wenn sie sie mal selbst nicht sieht. Ich sehe sie! Wenn sie nämlich weiß, dass sie oft schlau, witzig und auch mutig sein kann, dann ist es vielleicht nicht so schlimm, wenn ein Fünfjähriger ihr mal wieder sagt, dass sie eklig ist. Ich hoffe, dass sie dann weiß, dass es nicht stimmt.

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5 Comments

  • Reply
    Sandy
    31. Juli 2017 at 23:13

    Oooooohhhrrrrr… Immer diese blöden Situationen… Du hast da völlig richtig gehandelt, auch das Schubsen hätte ich dir noch durchgehen lassen ne im Ernst.. es ist wirklich fiese und ich muss mir leider auch regelmäßig auf die Zunge beißen, wenn ich meinen Großen von der Schule abhole und er mir unter Tränen erzählt, wer ihm heute wie weh getan hat. Am liebsten würde ich diese fiesen Kinder anbrüllen und schubsen, oder mit Paprika bewerfen… Alter Paprika versteht sich
    Aber ich habe auch Angst, es dann dadurch schlimmer zu machen. Ein blöder Teufelskreis.

  • Reply
    Katja und Domi
    1. August 2017 at 20:12

    Liebe Bella, ich bin gerade echt sprachlos. Wie grausam können Kinder in dem Alter schon sein. Wahnsinn. Ich weiß gar nicht, wie ich meinen Sohn vor sowas beschützen kann. Meine Eltern haben es damals versucht, was mich gerade noch vor dem Selbstmord bewahrt hat. Ich finde es einfach soo schlimm, wievielen Leuten es so geht.

    Glg Katja

    • Reply
      familieberlin
      1. August 2017 at 22:03

      Ich finde es noch nicht grausam, sie testen und gucken, wie sie ihre Stärke ausspielen können. DA spielt der Altersunterschied eine große Rolle. Ich wünsche mir, dass ich nie so weit gehen muss wie deine Eltern, aber bin froh, dass deine es damals waren. 🙂 LG Bella

  • Reply
    Sarah
    1. August 2017 at 20:18

    Ich hab mal wieder feuchte Augen 🙁 Ich bin für so etwas auch viel zu sensibel. Wenn sie irgendwo steht und sich übervorteilen lässt, weil sie zu schüchtern ist, oder wenn sie weint, weil ihr ein Kind weh getan hat, dann bekomme ich immer einen dicken Kloß im Hals und muss mich zwingen stark zu bleiben und sie zu stärken. Ich finde daran auch nichts „wichtiges“ was man erleben MÜSSTE. Sowas tut einfach weh und ich kenne nur wenige Kinder, die durch solche Drangsaleien stärker wurden.
    Ich finde es immer wichtig den Kindern zu sagen, dass diese Kinder solche Dinge nur machen, weil es ihnen selbst schlecht geht. Ich glaube dadurch beziehen sie es etwas weniger auf sich persönlich. Ich wünsche dir, dass sie irgendwann erwidern kann: NEIN, BIN ICH NICHT!

    Ich schicke euch ganz viel Liebe ❤

    • Reply
      familieberlin
      1. August 2017 at 22:02

      Du hast so Recht. Danke für deine Worte. Wir arbeiten am NEIN. 🙂

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