Kleinkind

Über Freundschaft: Die Empathie eines Kindes ist bedingungslos

Als ich mein Kind heut morgen im Kindergarten absetzte, stürmte sie in die Garderobe und umarmte warm und herzlich „meine Naniel“. Daniel, der aktuelle Mann ihres Herzens ist etwas jünger als miniberlin, damit auch etwas kleiner und stets seltsam gekleidet. Er trägt zu große Sachen mit Flecken, die sicher nicht erst von gestern sind. Er ist blass, hat dünnes Haar und redet nicht viel- obwohl er es könnte. Hätte ich die Wahl, würde ich mich für einen anderen Herzensbrecher der Kindergartengruppe entscheiden wie den feurigen Italiener oder den wortgewandten Willi. Habe ich aber nicht- miniberlin hat ihren „Naniel“ gefunden und erkennt ihn schon von weitem. Sie teilt mit ihm ihr Obst und erzählt mir abends, wenn er hingefallen ist und bitterlich weinte. Das bewegt sie, sie mag ihn. Es ist ihr egal, wie groß er ist, was er an hat und wie er redet. So egal, dass man sie nachmittags auch mal kuschelnd in der Ecke entdeckt.

Einmal Mitgefühl für alle!

Jeder hat Vorstellungen von seinem Partner, seinen Freunden, seinem Leben. Kinder nicht! Sie leben und erleben den Moment, wählen ihre Freunde und „Partner“ nicht nach dem Aussehen und der passenden Kleidung. Sie werden ganz aufgelöst, wenn um sie herum jemand weint und erleben beinahe Phantomschmerzen, wenn anderen etwas wehtut. Letzteres erlebt zumindest miniberlin immer als Schmerz, denn als ich mir vor einigen Monaten meinen Zeh brach, war es ein Drama für meine Tochter. „Mama aua, miniberlin auch aua, trösten und pusten“. Dieser Film lief über einige Wochen, da war mein Fuß schon wieder verheilt. Seit mehreren Monaten zeigt sie mir auf dem Heimweg von der KiTa eine Stelle, an der im Winter eine ältere Dame mit dem Rad stürzte und der wir halfen. „Oma Aua, Oma helfen“. Jeden Tag, je nachdem wie oft wir an der Stelle vorbei kommen, mehrmals. Da sie merkt, wie schwer mir das Aufstehen mittlerweile fällt und herrberlin mir hilft, reicht auch sie mir immer ihre kleine Hand und zieht wie verrückt an mir. Sie hilft. Sie verarbeitet diese Dinge und fühlt innig mit.

Die Probleme ändern sich – die Bedingungen auch

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Manchmal frage ich mich, wann es aufhört, diese Empathie und das Mitgefühl für die Person und  das Leben anderer? Wenn jemand fällt, wird geholfen. Sogar dem Affenplüschtier oder dem Käfer. Irgendwann kommen andere Faktoren hinzu, nach denen sie ihre Freunde wählen wird. Kleidung, Hobbies und Lieblingsfarbe. Dann gibt es keinen „Naniel“ mehr, der eine grün-weiß gestreifte Hose zu einem blau-karierten Hemd trägt. Irgendwann wird es nicht mehr binnen Minuten verziehen, wenn Moritz sie beißt oder Lene ihr an den Haaren zieht. Doch solang sie diese Sachen noch bald vergisst bzw. nicht lange übel nimmt, solang sind Kinderfreundschaften noch empathisch und bedingungslos. Manchmal wünsche ich mir etwas dieser Empathie, dieser bedingungslosen Freundschaft. Gerade, wenn ich merke, dass eine Freundin vielleicht die falsche Entscheidung getroffen hat, die mich verletzt. Kann ich das dann nicht vergessen und einige Zeit später mit ihr im Café sitzen? Zuviele Faktoren kommen hinzu, je älter wir werden. Menschliche Enttäuschungen werden so lange gewälzt und durchdacht, dass es vielleicht irgendwann zu spät ist, sie zu verzeihen? Dann gibt es diesen Menschen nicht mehr, dem man verzeihen wollte. Irgendwann. Denn das Irgendwann ist schneller ran als einem lieb ist. Klar, auch die Enttäuschungen werden größer. Aus „an den Haaren ziehen“ und „Okolade klauen“ wird Lügen, Verheimlichen oder Schlimmeres. Kinder können das noch nicht. Zumindest Zweijährige. Und das ist schön, denn so haben freundschaftliche Enttäuschungen noch etwas Zeit für miniberlin, bis zu diesem Irgendwann halt.

Wie geht ihr damit um, wenn eure Kinder diese freundschaftlichen Enttäuschungen irgendwann bewusst wahrnehmen? Und viel wichtiger: wann geht diese bedingungslose Empathie verloren?

Liebe Grüße
eure Bella

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3 Comments

  • Reply
    Wiebke (Verflixter Alltag)
    13. April 2016 at 23:21

    Ein schöner Text.
    Aber unsere Große ist nun fast vier Jahre alt und zeigt bislang sehr wenig Empathie. Erst heute bin ich hingefallen und habe mir mein Knie blutig geschlagen. Sie hat es nicht interessiert. Sie ist sehr auf sich selbst fixiert. Aufmerksamkeit für andere ist höchstens erlernt, nicht aus einer Empathie heraus. Schade irgendwie. Und langsam frage ich mich, ob es noch gesund ist. Aber ich schweife ab, das ist wohl einen eigenen Blogbeitrag wert 😉
    Ich kann Dir also nicht sagen, wann diese Empathie aufhört, sie hat bei uns noch gar nicht angefangen. Aber grundsätzlich ist es ja etwas Schönes und wird wohl auch nie aufhören (warum auch?). Wir lernen nur mit der Zeit anders darauf zu reagieren. Zumindest ist das meine Meinung.
    Also lieben Gruß von der Wiebke auf der Suche nach töchterlicher Empathie ;-P

  • Reply
    Magdalena
    13. Januar 2017 at 14:03

    Ich finde es wunderbar geschrieben und ich finde mich darin stark wieder.
    Mein Sohn ist zwei und auch extrem mitfühlend, mir manchmal fast zu sehr. Während der Kita Eingewöhnung haben ihn die Verabschiedungs-Szenen der anderen Kinder zu ihren Eltern oder wenn später ein Kind (wegen aus Erwachsenen-Sicht verschmerzbarenDingen) geweint hat so durcheinander gebracht und richtig mitgenommen, dass ich mir manchmal gewünscht hätte er würde das alles gar nicht do mitbekommen, weil es dann in vielen Situationen leichter für ihn wäre.
    Aber meistens bin ich stolz und finde es toll wie feinfühlig und empathisch er ist.
    Mittlerweile verzeiht er jedoch nicht mehr so schnell. Der Sohn von einer Freundin ist ein paar Monate jünger und ist bei jedem Zusammentreffen sehr aggressiv meinem Sohn gegenüber – das belastet ihn immer richtig. Er kann es noch nichtso deutlich sagen, aber ich habe das gefühl, dass ihn nicht nur verletzt, dass ihn das andere kind haut, sondern dass er dad gefühl hat nicht gemocht zu werden und ihn das richtig traurig macht.
    Das thematisiert er dann immer wieder und sagt deutlich dass er heim möchte und die freundin mit kind fahren soll.
    Diese situationen finde ich dann oft nicht einfach – ich kann ihm nachfühlen, aber kann ihm so schwer kindlich aufbereitet eine Erklärung gehen.

    Wurde jetzt ein bisschen lange….

    Ich freue mich auf weitere Beiträge!
    Magdalena

    • Reply
      familieberlin
      14. Januar 2017 at 13:05

      Du hast Recht, auch die Freundschaften verändern sich. Das habe ich die Tage wieder gemerkt. Wo früher die elterliche Sympathie ausschlaggebend für den Spielkameraden war, wählen nun auhc die Kinder aus. Da sind manche Freunde neu und andere müssen leider „gehen“. Den Fall haben wir auch gerad. Ich finde es gut, dass ihr ihm das erklärt. So holt ihr ihn ab und begleitet ihn durch seine Gedanken.

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